Weil Bayern in Deutschland liegt, und weil alles, was Deutschland angeht, auch Bayern betrifft, gibt es im Grunde keine isolierten bayrischen Fragen. Denn wie in der Vergangenheit würde Bayern auch in Zukunft genau so wie jedes andere deutsche Land, in jede deutsche Tragödie hineingezogen werden, wenn noch einmal ein tragisches Geschick über Deutschland hereinbrechen sollte. Daraus ergibt sich für uns eine zwingende Schlußfolgerung. Sie lautet: Nach den in Bayerns Land und Volk gegebenen Kräften und Möglichkeiten mitzuhelfen, die deutschen Dinge zum Guten zu wenden und sie vor einer neuen tragischen Verwirrung zu bewahren. Dies gilt für alle Fragen, die das deutsche Volk in seiner Gesamtheit bewegen, auch für die in letzter Zeit so viel erörterte Frage der deutschen Einheit.

Wäre die Wiedervereinigung Deutschlands nur eine Sache des Gefühls, dann wäre sie kein Problem. Denn alle deutschen Herzen empfinden die Trennung als die bitterste Folge des Unheils, das über Deutschland gekommen ist. Daß es auch die unnatürlichste Folge ist, stärkt die Hoffnung, daß nach einem inneren Gesetz das Unnatürliche wieder zum Natürlichen zurückfinden wird. Die Frage der Wiedervereinigung ist aber zugleich eine Frage des politisch Möglichen. Und hier darf man sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß es bei weitem nicht so aussieht, als ob die Möglichkeit einer Wiedervereinigung schon in der allernächsten Zeit gegeben wäre. Daher erscheint es aussichtsreicher, nüchtern und real zu denken und das allen Deutschen gemeinsame Ziel der Einheit nicht zu einem Spiel politischer Propaganda herabzuwürdigen.

Wenn heute der Osten als propagandistisches Werkzeug Sowjetrußlands die Dinge so hinstellt, als ob nur der Osten die Wiedervereinigung Deutschlands erstrebe, das westliche Deutschland unter dem Einfluß der Westmächte sie aber verhindern wolle, so ist das eine totale Verkehrung der Wahrheit. Alle Welt kennt die vielfältigen Bemühungen des westlichen Deutschlands für eine Verständigung mit dem Osten. Sie begannen schon mit jener dramatischen Konferenz der Ministerpräsidenten in München und enden immer wieder mit Bereitschaftserklärungen des Westens zur Erneuerung der deutschen Einheit. Bereits in München aber wurde klar, daß die Männer, die damals den Osten im Auftrag Moskaus vertraten, eine andere Sprache redeten. Es zeigte sich in München und dann bei allen späteren Verhandlungen, daß, wenn zwei das Gleiche sagen, nicht das Gleiche gemeint sein muß. Jedenfalls sind alle Bemühungen praktisch immer wieder daran gescheitert, daß der Osten gar nicht daran denkt, die primitivsten Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung zu schaffen.

Das westliche Deutschland will die Einheit, ebenso wie der Großteil der Bevölkerung der Sowjetzone, allerdings ohne die Nebenabsichten seiner Machthaber. Es besteht aber kein Zweifel, daß die Mächte des Ostens für die Einheit Deutschlands das Opfer der Freiheit Deutschlands verlangen. Was dies bedeutet, wissen wir: das Aufgeben des christlich-abendländischen Kulturgutes, der persönlichen Freiheit, die Verneinung der westlichen Vorstellung von der Menschenwürde. Geschähe dies aber in Westdeutschland, so würde es auch eine Versündigung am deutschen Osten bedeuten. Denn dann würden wir dem östlichen Deutschland die Hoffnung nehmen, daß mit der Einheit Deutschlands auch die Freiheit für das östliche Deutschland erreicht werden kann.

Als die einer zukünftigen Nationalversammlung zugedachten Aufgaben und Befugnisse bekannt wurden, schien es mir notwendig, im Interesse nicht nur Bayerns, sondern auch des westlichen Deutschlands, Bedenken anzumelden. Dieser Schritt hat in der Öffentlichkeit nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik gefunden. Wie in solchen Fällen üblich, war rasch das Wort zur Hand, Bayern fiele „eben wieder einmal aus der Rolle“ und wolle die deutsche Einheit verhindern.

Dem sei folgendes entgegengehalten: Wir Deutsche würden in haltlose Zustände hineinschliddem, wenn wir es zuließen, daß der Bau der Bundesrepublik gefährdet würde, bevor noch durch eine Verfassung ein solider Grund für ein gesamtes Deutschland gelegt ist. Solange darf sich an der vollen Regierungsgewalt der Bundesregierung und an den Rechten des Bundesrates nichts ändern. Begäbe man sich auf einen anderen Weg, dann wäre es besser gewesen, man hätte die Hand von dem Versuch gelassen, feste staatliche Verhältnisse im Bereiche der heutigen Bundesrepublik herzustellen. Dann hätten wir uns gar nicht der Mühe der letzten Jahre zu unterziehen brauchen, in dem uns zugänglichen deutschen Bereich eine immerhin geglückte Ordnung zu schaffen, sondern hätten die Dinge in der vagen Hoffnung auf eine Götzendämmerung im Osten in der Unordnung lassen können.

Zu den weit ausgreifenden Problemen um die deutsche Wiedervereinigung soll nur eine Feststellung getroffen werden, die für die bayrische Haltung in diesen Fragen immer richtunggebend sein wird: Wir müssen logisch und historisch darauf bestehen, daß es die Länder waren, die Deutschland als Lebensgemeinschaft über seine tiefste Not hinweggebracht haben. Es waren die Länder, die den Bund der neuen Bundesrepublik schufen. Und die Länder sind auch die Träger des bundesstaatlichen Gefüges. Deshalb können die Länder nicht einfach-beiseite gestellt werden. Die Stadt Berlin hat in ihrer tragischen Stellung zwischen Ost und West den Beweis erbracht, welche Kräfte „auf Landesbasis“ gewonnen werden können. Bayern hat dem Schicksal Berlins in echter Verbundenheit mit dem gesamtdeutschen Schicksal seine Anerkennung und auch seine allzeit tätige Hilfe nicht versagt. Denn Berlin gilt uns als Vorort europäischer Gesinnung und Gesittung.

Bayern hofft auf die baldmöglichste Wiederherstellung der deutschen Einheit. Bayern ist aber nicht bereit, für eine vom Osten privilegierte deutsche Einheit die Freiheit des deutschen Westens preiszugeben!