Von Ingeborg Hartmann

„In der zur Stummheit verurteilten, grauen, anonymen Schar des Karussells in den Käfigen der Gefängnishöfe, und im Umriß der einsamen Gestalt unter dem trüben Lichtstrahl, der aus der Blendlaterne fällt – erkennen wir sie denn nicht, hören wir nicht, was ihr großes Schweigen spricht?“

Der Ärmsten zugedenken, ihnen ihr Los durch Liebesgaben zu erleichtern, einen Schimmer der Freude in ihr karges Dasein zu bringen – das gilt als Pflicht des Christen und anständigen Bürgers. Wie aber, wenn die Leidenden dem Zugriff des braven Mitleids entzogen sind, wenn ihr Leiden stumm bleiben muß, weil es hinter Mauern und Eiserne Vorhänge eingeschlossen ist? Mit Almosen und Weihnachtsbescherungen ist hier kein Weg zum guten Gewissen zu pflastern. Das Mitleid erreicht sein Objekt nicht. Für den Selbstbetrug des Wohlmeinenden gibt es nur einen Ausweg: das Wegsehen, das Nichtdarandenken, das Vergessen. Die Arbeitssklaven in den Straflagern, die verschleppten Völker im Osten, die gefangenen Priester – die Zahl der Unerreichbaren geht heute in die Millionen. Keine Karitas kann bis zu ihnen vordringen. Selbst ein Genie der Hilfsbereitschaft muß an den Mauern abprallen, die diese Verlorenen einschließen.

Die französische Lehrerin Simone Weil, selbst mit einem chronischen physischen Leiden geschlagen, fand den Gedanken an die Kolonnen des Schweigens unerträglich. Sie verzichtete auf alle Vorzüge des Wohlstandes und der Bildung und teilte, da sie schon nach Rußland nicht gehen konnte, in ihrem Land das Leben der Unglücklichsten mit solcher Entsagung, daß ihr Körper den Strapazen nicht standhielt. 1943 starb sie, vierunddreißigjährig, im englischen Exil. Sie hatte das Maß des Mitleidens erfüllt, wie kein zweiter Mensch dieser Zeit. Mit ihr verglichen, leben wir alle „im Gefängnis unserer Herzenskälte“.

Edzard Schaper, der diese Formulierung geprägt hat („Der Mensch in der Zelle.“ Dichtung und Deutung des gefangenen Menschen. Jakob Hegner Verlag, Köln, 71 S., 3,80 DM), ist der Durchdenken und Dichter dieser qualvollen Tugend des Mitleidens. Er hat in Estland, während der sowjetischen Besetzung (1940), an sich und anderen erfahren, was es heißt, dem Heer der Namenlosen anzugehören. Seitdem ist das gesamte, ausgebreitete Werk des jetzt Dreiundvierzig jährigen der Erweckung der Gemüter gewidmet. Die Menschen in der freien Welt müssen aufmerken, denn auch ihnen droht die furchtbare Alternative dieser Zeit: Opfer zu werden oder Henker, Gefangener oder Kommissar.

Das Kreuz Christi stellt Schaper dem Triumph der Macht entgegen. „Die Gefangenen vermögen einander nur als Brüder zu erkennen, wenn sie sich als Glieder am leidenden Leibe Christi wissen.“ Aber das heißt nicht, daß er Christentum und Kirche propagiert. Denn auch die Kirche hat eine Nachtseite: sie ist Macht gewesen und könnte wieder Macht werden.

„Die Kirche war es“, schrieb Simone Weil, „die in Europa als erste so etwas wie einen Totalitarismus errichtete. Dieser Baum hat reiche Frucht getragen.“ Auch bei Schaper ist das Bewußtsein für die Schuld der Kirche lebendig. „Wir haben einen gemeinsamen Beruf“, sagt der Kommissar der Geheimen Staatspolizei Fouchés zu dem Kaplan in seinem jüngsten Roman „Die Macht der Ohnmächtigen“ (ebenfalls bei Jakob Hegner, 301 S., Leinen 15,80 DM). Es ist nicht Hohn, was aus den Worten des Kommissars spricht. Er hat, als er die alte Wirtschafterin des Pfarrhauses verhörte und sie zur Bespitzelung des im Widerstand kämpfenden Pfarrers nötigte, keine Folter angewandt. „Wir legten sie auf die Bank. Es geschah ihr nicht das Geringste. Allein die Bank schon ließ sie klagen, sie wolle gestehen. Ihre Phantasie nahm vorweg, was in Wirklichkeit niemals geschehen war.‘ Was tue die Kirche anderes, wenn sie den Gläubigen Hölle und Fegefeuer, Strafgericht und Paradies ausmale. Das sei die Streckbank der Kirche, wenn er so sagen solle.“