Von Barbara Teilheim

Nach dem Fest kann jeder Mensch einen Kater haben, und die meisten haben ihn auch. Vor dem Fest, das ist schon seltener. Eigentlich kommt der Vor-Fest-Kater nur bei zwei Gelegenheiten vor: seitens der Hauptbeteiligten, aus naheliegenden Gründen, bei Hochzeiten und außerdem zu Weihnachten. Unnötig zu betonen, daß er ursächlich nichts mit Alkohol zu tun hat, wenn er auch darin, enden kann. Er entspringt in der Hauptsache gestörtem seelischem Gleichgewidt, aber ich habe noch niemanden getroffen, der deswegen zum Psychoanalytiker gelaufen wäre.

Er kann jeden erwachsenen Menschen befallen; weder Alter noch Geschlecht, noch Familienglück schützt davor, dieses schon am allerwenigsten. Relativ immun sind ihm gegenüber die Weitvorausplaner, die am 2. Januar mit den Geschenken für nächstes Weihnachten anfangen und denen ein friedvoller Advent gewiß ist. Aber die anderen! Ihre Allerseelen-Depression mündet ohne sichtbaren Abstand direkt in den Vorweihnachtskater ein. Spätestens am ersten Advent pflegen sie zu erklären, daß sie kein Geld hätten, dieses Jahr schon gar nicht, und daß die ganze Schenkerei ein Unfug wäre, ein sentimentaler Atavismus, und sie ihrerseits, wenn sie schon schenken müßten, sich jedes Beschenktwerden energisch verbäten. Wenn sie Familienväter sind, ist die ganze Opposition natürlich schon im Keim zum Tode verurteilt. Ein solider Zank endet mit der Aushändigung der „äußersten Summe“ an die Wahrerin des Herdfeuers, und Achill zieht sich grollend ins Büro zurück.

Schwieriger liegt der Fall, wenn der Kater keine wirtschaftlichen Gründe hat, sondern ausschließlich in der-Region verdrängter Gefühle wurzelt. Die Besitzer dieser Verdrängung flüchten sich in Zynismus und Hirnakrobatik. Sie berechnen die Unkosten, die den Geschäftsleuten durch Tannengirlanden, Lametta, Papiermache-Engel und die Reihen elektrischer Weihnachtskerzen in den Schaufenstern erstehen und bringen sie in Relation zu dem zu erwartenden Umsatz plus Reingewinn. Sie sind imstande, die Kinder, die vor den Krippen aus Lebkuchen die Näschen an die Scheiben drücken, zu fragen, wieviel sie von Heilsgeschichte und Passion wüßten. Sie beschließen, in ein Heidenland zu fahren, um dem Weihnachtsfest zu entfliehen; aber die Heidenländer sind zu weit weg. Und voll bitterer Genugtuung lesen sie Beschreibungen aus anderen christlichen Länder jenseits des Meeres, wo das ganze Weihnachten längst eine Art Rummel geworden ist...

Am schlimmsten ist es natürlich mit den Einschichtigen. Irgendein mitleidiger Mensch wird sie ja wohl zum Lichterbaum einladen, vielleicht sogar zur Gans. Dann wird er seine mehr oder minder unpraktischen Päckchen zu den übrigen legen und sich entsetzlich genieren. Er ist überzeugt, daß er stört, auch wenn es gar nicht der Fall ist und alle doppelt nett zu ihm sind. Aber er hat eine solche Angst vor dem Augenblick, wo er in seine kalte einsame Bude zurück muß, daß er lieber erst gar nicht zu den Freunden oder Verwandten hingehen möchte. Ein Glück, daß der Wintersport erfunden wurde, ein herrlicher Ausweg für den Einschichtigen. Indessen kann es ja auch passieren, daß er unsportlich ist oder kein Geld hat zum Fortfahren, höchstens soviel, sich eine Flasche Rum zu kaufen, sagen wir lieber Rumverschnitt. Aber wird sich ein anständiger Mensch zu Weihnachten betrinken? In Deutschland gehört sich das nicht, schließlich, nicht wahr, leben wir auf der Basis christlich-abendländischer Kultur, sogar im Krieg wurde Waffenruhe vereinbart in der Christnacht; nachher konnte man sich um so besser zerfleischen. Aber, aber, aber, was sind das für Sachen, wir kommen ja aus dem Vor-Fest-Kater gradezu in den Nihilismus hinein! So, da haben wir es, da ist er schon, der sanfte moralische Zwang der Adventszeit; wir möchten uns ihm entziehen und können es nicht, deswegen haben wir ihn ja, den Kater.