Düsseldorf, Mitte Dezember

Die stürmische Hausse am Montanmarkt hat zu Dezemberbeginn einen kräftigen, aber gesunden Abbruch erfahren. Nachdem während der letzten Wochen und Monate in den Auftragsbüchern der Makler vielfach Käuferkreise zu finden gewesen waren, die seit Jahren, ja nicht selten seit mehr als einem Jahrzehnt keine Wertpapiere mehr gekauft hatten, glaubte man an der Börse, es würde sich daraus auf die Dauer ein Spekulieren à la hausse aufbauen lassen. „Das solide Publikum steigt wieder ein“, flüsterte sich die Kulisse zu. Zuerst waren es nur Bank- und Börsenkreise, dann kamen Handel und Industrie –, und nun schaltete sich wieder eine breitere Publikumsschicht ein; alle blickten fasziniert auf die monatelang anhaltende Hausse.

Jahrzehnte der Börsengeschichte haben gezeigt, daß das solide Publikum, der Aktiensparer, erst einsteigt, wenn sich die berufsmäßigen Kreise anschicken, wieder auszusteigen. Die Folgen waren stets die gleichen. In Zeiten des Schwankens und der Unsicherheit lagen die Verluste dann auf den Schultern Hunderttausender von einzelnen Sparern. Jetzt hieß es wieder, das Publikum sei eingestiegen. Uns scheint es daher an der Zeit, einmal zu prüfen, ob das Kursniveau am Montanmarkt noch den von der Spekulation erwarteten „übergroßen“ Spielraum nach oben bietet oder ob nicht schon Grenzen wirksam werden, die zur Vorsicht mahnen.

Seit Jahren warten. Industrie und Finanz auf das Rückfluten der traditionellen Börsen- und Sparerkundschaft. Dieses Rückfluten wäre u. U. als ein Wiederbeginn der natürlichen Kapitalakkumulation zu bewerten und zugleich die Voraussetzung, künftig wieder Emissionen und industrielle Kapitalbeschaffung auf diesem privaten Markt vornehmen zu können. Da das seit der Währungsreform bereits großartig aufgebesserte Kursniveau am Montanmarkt nun von der privaten Seite her belebt worden ist, scheint u. E. für die offizielle Bank- und Kapitalmarktpolitik die Pflicht zur behutsamen Steuerung und Pflege heranzureifen. Wir würden es jedenfalls nicht für glücklich halten, der legeren Auffassung anzuhängen: „Wer an der Börse spekuliert, ist selbst daran schuld!“ Damit würde man der künftigen Bedeutung dieses Geld- und Kapitalumschlagplatzes nicht gerecht. Andererseits hat aber auch das Gros der an diesem Platz arbeitenden Banken- und Börsenkreise eine gesunde Marktpsychologie vermissen lassen, sich selbst an der stürmischen Hausse zu stark beteiligt und im Publikum die spekulativen Momente noch gefördert. Rückschläge darauf werden unvermeidlich sein. Sie können dazu führen, daß die erhoffte Kontinuität einer breiten Publikumsbeteiligung nicht eintritt und das Mißtrauen wieder überwiegt.

Es muß gesagt werden, daß Bewertungen und Vermögensübersichten in allen durch die sog. Neuordnung betroffenen Wirtschaftszweigen, also Kohle und Eisen im besonderen, noch immer unübersichtlich sind. Soweit in der letzten Zeit Bilanzen und Dividenden aus Kohle und Eisen bekanntgeworden sind, haben sie nach den jahrelang wiederholten Beteuerungen von der Preisunwürdigkeit in der montanen Schlüsselproduktion und der „chronischen Ertragslosigkeit“ sensationell gut gewirkt. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, daß im Bereich der Aktiengesellschaften stets jene Unternehmen zuerst publizieren, die mit guten Bilanzen und Ertragslagen aufwarten können. Das „dicke Ende“ pflegt viel später zu kommen. Außerdem hat die starke Stellung der Zentralverbände in Kohle und Eisen und die häufige Verwendung von Durchschnittswerten den Hang zur Überschätzung des Wertes von Kollektivbeurteilungen auch im Bereich der Wirtschaft gefördert. Es wird im Schatten dieser Kollektivurteile die wirkliche und oft ganz erhebliche Streuungsbreite zwischen den Grenzwerten übersehen. Bewertungsgrundsätze und Individualziffern aus jetzt bekanntgewordenen Einzelabschlüssen als Kennziffern für andere Gesellschaften anzusetzen, ist keine zuverlässige Methode.

Daß in einigen Montanbilanzen in den letzten Wochen hohe stille Reserven aufgedeckt worden sind, ist nicht zu bestreiten. Daß fast alle bisher mit Bilanzen hervorgetretenen Unternehmen noch unter Wert an der Börse notiert werden, darf wohl auch gesagt werden. Aber die als Kriegsfolge zu wertende Erscheinung im Publikum, nämlich den Kurs nur „nach dem inneren Substanzwert“ zu orientieren, dürfte und sollte mit der Zeit nachlassen und der gesunden Methode weichen, den Kurs zwischen Substanzwert und Rendite auspendeln zu lassen. Warum das Schwergewicht dem Substanzwert allein geben? Seit der Kapitulation sind doch keine neuen Erze oder Kohlen unter den Firmen gewachsen. Ihre Substanzen hatten sie auch früher schon in gleicher Höhe. Sie waren bereits im alten Kurs eskomptiert.

Dagegen ist die Frage der Rendite wohl noch kaum hinreichend geklärt, auch nicht bei Unternehmen mit reservestarken Bilanzen. Manche Gesellschaft hat in der letzten Hauptversammlung Dividenden in Aussicht gestellt. Wieweit sie realisierbar sein werden, ist frühestens 1952, zumeist wohl erst 1953 erkennbar. Ob das zuveilen nicht auch geschah, um den Kurs nach oben zu manipulieren, weil es zum Firmenprestige gehört, zu den Spitzenpapieren der Gruppe zu zählen, bleibe dahingestellt.