Ob der Keim zum dramatischen Konflikt imHerzen der Menschen oder im Zusammenprall mit der Welt entsteht, haben die Dichter nie nach eigenem Gutdünken entschieden. Es gab Zeiten, da fühlten sich die Menschen so frei, daß ihnen dieses Gefühl auch wirklich Freiheit gab. Heute dagegen triumphiert meistens die Weltordnung: der Mensch gerät in Kollision mit den immanenten Strukturen des Seins; seine scheinbare Bewegungsfreiheit verführt ihn zur Rebellion, und sei es nur die passive der Clara in Hebbels „Maria Magdalena“.

Um dieselbe Zeit – also um die Mitte des vorigen Jahrhunderts – da Meister Anton ‚die Welt nicht mehr versteht‘, zerbrechen am Washington Square zwei Menschen an der Kompromißlosigkeit ihrer Charaktere: der reiche Arzt Dr. Austin Sloper und seine Tochter Catherine, ein ungeschicktes häßliches Entchen mit liebebedürftigem Herzen. Freilich: ganz so häßlich wie der Vater, dem das Idol der bei der Geburt verstorbenen Mutter vorschwebt, sie sieht, ist Catherine nicht. Mr. Morris Townsend, ein armer junger Stutzer, findet sie sogar hübsch: er macht das arme Mädchen in sich verliebt und will sie, als der Vater sich gegen die Heirat stellt, entführen.

Er entführt sie nicht. In der entscheidenden Nacht hat Catherine ihm erzählt, daß sie mit ihrem Vater brechen will und daß der sie enterbt. Als Morris nicht wiederkommt, muß sie erkennen: er hat sie genau so wenig geliebt wie der Vater. Dieser liebte nur die tote Mutter, jener ihr Geld. Sie entschließt sich zum Leben ohne Liebe. Als Morris zwei Jahre später erneut um ihre Hand einhält, läßt sie ihn unter entwürdigenden Umständen vor der verschlossenen Tür stehen.

Dies ist der Inhalt des Romans „Washington Square“ von Henry James, des Films „Die Erbin“ und nun auch des gleichnamigen Theaterstücks, das Ruth und Augustus Götz nach dem Roman sinngerecht dramatisiert haben und dessen deutsche Erstaufführung in München und Hamburg (Thalia-Theater) stattfand. Es ist ein Konflikt, in den die Welt und Gott nicht dreinzureden haben, die Menschen tragen ihn untereinander aus. In der Hamburger Aufführung hat die Regie Otto Kurths des halb mit Recht auf jede Nuance der Bewegungen und jede Silbe der Sprecher achtgegeben. Aber Gisela von Collande ist eine viel zu schöne und reizende Erbin. Weshalb diese Desillusionierung durch Schönheit? Fehlt der Schauspielerin der Mut zur Häßlichkeit? Was ihr aber bestimmt fehlt, ist jene Härte, die Catherine nach der Autoren Willen am Ende des Stückes aufweisen soll. Großartig dagegen Erwin Linders Mitgiftjäger Morris: ein grausamer Schleicher ohne den vollen Mut zur Grausamkeit, ein böser Mensch, aber ohne jede Dämonie. P. H.

*

Um „maister Steffan zu cöln“ zu ehren, versammelten sich anläßlich seines 500. Todestages – er starb 1451 an der Pest – Vertreter des Staates, der Stadt, der Kunst, der Wissenschaft und der übrigen Bevölkerung zu einem Festakt. Da eine Tradition nur lebt, wenn sie immer wieder erneuert wird, verlieh die Stadt Köln bei dieser Gelegenheit zum vierten Male die von ihr gestiftete Stefan-Lochner-Medaille für hervorragende Gesamtwerke bildender Künstler. Nach James Ensor, Emil Nolde und Gerhard Marcks wurde diesmal Oskar Kokoschka damit ausgezeichnet.

Die Feierlichkeiten verliefen etwas mager Im Stefan-Lochner-Jahr, im Jahr des Kölner Malers par excellence, hatte man ein besseres Gedenken an diese, in der Weltkunst leuchtende Gestalt erwartet. Zählen doch Stefan Lochners Werke hauptsächlich das Kölner Dombild, die „Madonna im Rosenhag“, die „Darbringung im Tempel“ und das „Weltgericht“ – zu den schönsten Zeugnissen altdeutscher Malerei. Ihren Wert wußte schon Albrecht Dürer zu schätzen. Als er 1520 von Nürnberg in die Niederlande reiste, ließ er sich in Köln für fünf Weißpfennige das Dombild, damals noch auf dem Altar der Stadtpatrone in der Ratskapelle, zeigen. Und so hätte der Stadt Köln bei diesem Gedenkanlaß eine umfassende Sonderausstellung des Lochnerschen Gesamtwerkes oder die längst wünschenswerte Grundsteinlegung des, ach, so nötigen Neubaues des Wallraf-Richartz-Museums wohl angestanden... Ein sauber gedrehter Kulturfilm, dessen Uraufführung am Vortage des Festaktes stattfand, kann über diesen Mangel nicht hinwegtrösten,

Held