Suivons l’enseigne de l’amour et nous triumpherons un jonr.“ Matt leuchten diese Worte von einem alten Holzgemälde über dem Eingang zu der halbverfallenen Hauptkapelle des Calvarienweges in Verne Die Farben sind verblaßt, das Holz ist wurmstichig geworden.

Eine gewundene Straße führt zu dem alten Ort. je näher man dorthin kommt, um so weiter schweift der Blick über die Riviera. In der Ferne erkennt man Cap Ferrat, die Buchten von Nizza und Cannes und die Halbinsel von Antibes. Die Zitadelle, umschlossen von einem Wall, ist unberührt geblieben, winklig, geschäftig, so wie sie vor Jahrhunderten war, überflutet von Sonne.

Nichts kann in dieser Landschaft sterben. Alles formt sich zu einem unendlichen Band, weit zurückreichend, weit vorauseilend. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden hier eins. Selbst der Ausklang eines Lebens wird hier hell und heiter. Henri Matisse, krank und gebrechlich, kaum noch fähig seinen müden Körper zu bewegen, schenkte den kleinen Normen, die ihn pflegten, die „Kapelle zum Rosenkranz“. Sie ist ein Ort der Freude, des Jubilierens, ein Dank des alten Meisters für alles Schöne, alles Lichte, das seine Augen sahen. Der Calvarienberg mit seinen sieben Kapellen auf der anderen Seite liegt in tiefer Abgeschiedenheit. Noch kennt kaum jemand diesen verträumten, eichenbeschatteten Weg, an dem die Kapellen aus dem siebzehnten Jahrhundert verfallen, vergeben, vereinsamt zu Ruinen geworden sind. Gläubige Menschen haben damals die Stationen des Leidensweges errichtet, in der Einfachheit, mit der heute noch in der Provence gebaut wird – Feldsteine mit Mörtel vermischt. Jedes Jahr kommen die Bauern aus der Umgebung, um mit demütigem Herzen diesen Weg zu gehen. Sie schmückten die Kapellen mit Fresken von rührender Naivität, mit buntbemalten Holzfiguren, von denen heute niemand mehr weiß, wer sie geschnitzt hat.

Die Wallfahrten hörten auf, die Menschen vergaßen, die Fresken verblaßten, die Farben blätterten ab. Aber noch immer ist die Inschrift zu lesen: „Folgt den Zeichen der Liebe, und Ihr werdet eines Tages triumphieren.“

Ich sprach mit Marc Chagall, der den Plan gefaßt hat, diesen sieben Kapellen neues Leben zu geben. Marc Chagall, jung wie immer, fühlt, denkt und lebt nur noch für diese Idee. Er steht in seinem Atelier vor den Entwürfen und Fresken; er steht vor dem Brennofen und wach: über die Keramikplatten, die die Fußboden bilden sollen. Er sinnt über die Glasfenster nach und malt an dem Karton für den dreißig Meter hohen Gobelin, der die Erschaffung der Welt darstellt, bestimmt für den Altar der Hauptkapelle, und der in Aubusson gewebt werden soll.

Aber neben diesen Arbeiten bleibt noch vieles zu tun. Das Terrain muß geebnet, die Fassaden hergerichtet, die Dächer gedeckt werden. Chagall mochte, daß diese Arbeiten in dem Geist entstehen, der früher in den Bauhütter der großen Kathedralen wirkte. Arbeiter und Unternehmen haben sich schon jetzt bereit erklärt, freiwillig und ohne Bezahlung mitzuhelfen Der Schriftsteller Robert Gaillard, der den alten vergessenen Calvarienweg „entdeckte“ und mit seinem Freund Chagall darüber sprach, hat es übernommen, die Hilfe der französischen Ministerien zu erlangen.

Chagall entwirft, verwirft, verzweifelt, beginnt aufs neue. Gaillard spricht, wirbt, überzeug:. Die Stadt Vence, der Staat haben sich bereit erklärt, die Kosten für die Herstellung des Gobelins zu übernehmen und für die Bereitstellung des Terrains zu sorgen. Ein Kommitee hat sich gebildet; es wird bald seine Pläne veröffentlichen und seinen Aufruf an alle Menschen guten Willens richten, mitzuhelfen, mitzubauen an diesem Weg, der bis jetzt noch keinen neuen Namen hat, aber getreu dem alten Spruch über dem Eisgang zur Hauptkapelle entstehen soll. E. Lutrand