Erzählung von Paul Hühnerfeld

Glauben Sie mir“, sagte der Erste Offizier, „neben einem Schlag Erbsensuppe ist es der Heilige Abend, den man beim Militär erlebt haben muß. Vorzüglich bei der Marine. Es ist ein Erlebnis fürs Leben. So, jetzt her mit der Tanne.“

Ich gab den Leuten einen Wink, und sie zogen den Baum vom Seitengang, wo er neben der Kombüse des Kreuzers gelegen hatte, in das Deck. Wir hatten die Tanne mit sechs anderen im Hafen an Bord genommen. Vor zwei Tagen waren wir ausgelaufen. Jetzt, am Nachmittag des 24. Dezember, schneite es in dichten Flocken. Die Flocken fielen auf die graugrünen Wellen und zergingen; aber sie schwebten auch auf die Reling, auf die Geschütze und die Aufbauten, und wenn es in der Nacht weiterschneite, so würde der Kreuzer morgen tatsächlich so aussehen wie der Buntdruck „Weihnachten an Bord eines deutschen Kriegsschiffes“ aus Köhlers Flottenkalender zu Hause in meiner Stube.

Die Tanne wurde aufgerichtet, sie mußte am Stamm gekappt werden, damit ihre Spitze nicht gegen das Deck stieß. Unser Erster Offizier nahm einem Matrosen das Beil aus der Hand und tat es selbst. „Ich bin nämlich Familienvater, zu Hause erledige ich das auch immer.“

Wir waren auf dem Kriegsmarsch zur kurländischen Küste. Wir sollten die Erdtruppen dort einmal wieder unterstützen. Die Erdtruppen hielten nicht viel von unserer Unterstützung. Sie behaupteten, wir hätten einige Male ihre eigene Stellung beschossen. Das kommt im Krieg vor, und es war eigentlich kein Grund dafür, daß der Divisionskommandeur des Abschnitts unseren Kommandanten einen Idioten und die Marine einen Sauhaufen nannte. Aber wenn bei diesen Leuten irgend etwas nicht klappte, vergaßen sie gleich den guten Willen.

„Also zunächst“, sagte der Erste Offizier, „wird ‚Stille Nacht‘ gesungen, und zwar alle Strophen. Hat die Schreibstube die Texte vervielfältigt?“ – „Jawohl“, sagte ich. – „Dann“, fuhr der Erste Offizier fort, „kommt die Postverteilung. Das übernehmen Sie als jüngster Unteroffizier des Decks. Aber Sie stellen sich nicht vor die Front dabei wie gewöhnlich, sondern Sie setzen sich vor die Back. Links und rechts steht eine brennende Kerze. Das erhöht die Stimmung. Dann lesen die Leute die Briefe. Und darauf weinen sie natürlich. Lassen Sie die Männer ruhig weinen. Dann kommt das Entscheidende, ich möchte sagen: die kopernikanische Wendung des Festes. Sie müssen das Weinen auffangen. Es bedarf dazu einer gewissen Imagination. Aber ich denke, daß ich bis dahin von der Feier in der Messe wieder zurück bin...“

Wenn man ins Freie trat, wo der Himmel wie eine bleigraue Masse auf der See und dem Gefechtsmast des Kreuzers lastete, sah man nicht, daß wir durch eine enge Straße fuhren. Man sah nur die See, etwas dunkler als der Himmel und nicht weit entfernt, sondern nahe schon mit dem Horizont zusammenfließend. Wir fuhren aber durch eine schmale Gasse, an deren Seiten Minen lagen, und vor uns dampfte mit schwarzem Qualm das Suchboot und hielt die Fahrbahn frei.