Zürich, im Dezember Mit der Komödie ‚Tanz ums Geld“, an diesich jetzt das Schauspielhaus Zürich wagte, wurde überhaupt zum erstenmal ein Stück von Silvio Giovaninetti in deutscher Sprache gespielt. Der Autor wurde vor einigen Jahren für sein psychoanalytisches Schauspiel „Der Abgrund“ mit dem höchsten italienischen Literaturpreis ausgezeichnet; er gilt neben Ugo Bern als der bedeutendste Dramatiker seit Pirandello.

„L’oro matto“ („Verrücktes Gold“), wie der Originaltitel heißt, nimmt zwar sichtlich Anregungen aus O’Neills „Strange Interlude“ und Eimer L. Rices „Life is real“ auf; aber diese Technik der Persönlichkeitsspaltung, die hier neben jede Figur noch deren personifiziertes Unter-Ich stellt, ist hier wohl zum erstenmal konsequent bis in ihre letzten Folgerungen getrieben. Die eigentliche Handlung – ein geldgieriger Kunsthändler hält seine Frau zum Schmuggel an und treibt sie darüber unbedenklich fast in die Arme des Neffen – ist neben dem psychoanalytischen Gedankenspiel fast bedeutungslos geworden. Jeder Mensch hat hier sein „Double“, die in das Gewand seiner Träume, Sehnsüchte und Begierden gekleideten Gedanken neben sich, und diese Gedanken sprechen das Unterbewußte aus, umlauern sich, umkreisen einander, folgen dem anderen, sind manchmal abwesend, schweifen in Erinnerungen zurück oder sehen in Ahnungen und Befürchtungen bereits das Kommende voraus. Zuletzt will der Händler den Teufel, der ihn verführt, niederschießen, aber sein Revolver versagt, Und – wie schon so oft in der zeitgenössischen Dramatik – steht der Mensch ohnmächtig dem Triebwerk des Unterbewußten gegenüber.

Trotz aller seelenentblößenden Akribie enthält das Stück keine eigentlichen Charaktere, sondern nur Typen: Masken, die schon in ihren Namen denen der commedia dell’arte entsprechen und die hier einen Tanz um das Goldene Kalb aufführen. Und obwohl das bis in rein pantomimische Zwischenspiele aufgelöst ist, also zu den Urwurzeln des Theatralischen zurückkehrt, nennt der Autor es mit Recht einen „plastischen Roman“. Es bezieht den ganzen Raum der Phantasie in das Bühnengeschehen mit ein, aber da es auch das Letzte, das Verborgenste alles Denkens hemmungslos ausspricht, läßt es der Phantasie keinen Spielraum. Und gerade das, was der Autor sicher als eine Bereicherung der Ausdrucksmöglichkeiten empfunden hatte, erweist sich letzten Endes als eine Sackgasse. Die Wirkungen, die er hervorruft, sind vornehmlich optisch, also denen des Kinos verwandt, und ersparen das eigene Mitdenken und damit Mithandeln des Zuschauers. So bleiben lediglich noch formale, ästhetische Reize – und das ist das Ende des wirklichen Theaters.

In Zürich ließ sich die einfallsreiche Regie von Werner Kraut keinen einzigen der technischen Effekte entgehen, und da man etwa selbst für die kleine Rolle des Unter-Ichs des verkörperten! Mammons einen Darsteller von der vitalen Kraft Gustav Knuths hatte, gewannen selbst die abstrahierenden Scheunen noch echtes Leben. Neben den Mitwirkenden konnte auch der anwesende Giovaninetti sich für den Erfolg bedanken. U. S. E.