Vor einigen Tagen noch stellvertretender Ministerpräsident, vor ein paar Monaten noch allmächtiger Generalsekretär der tschechoslowakischen KP und heute einer der lebenden Toten, die in den kommunistischen Gefängnissen Mitteleuropas dem Spionageprozeß und der Hinrichtung entgegensehen –: dieses Schicksal hat der 51 jährige Rudolf Slansky, der selbst der Henker von Tausenden war, verdient. Er ist nun freilich nicht wegen seiner Morde angeklagt, sondern er wird für Taten hingerichtet werden, die er nicht begangen hat. Allein, das ist der Lauf der kommunistischen Welt, der für uns so schwer zu verstehen ist.

Rudolf Slansky, der in Wahrheit Salzmann heißt, wurde bereits mit 17 Jahren Kommunist und war zu jeder kontrollierbaren Zeit seines Lebens ein echter und linientreuer Moskowiter. 1938 ging er nach Moskau. Sein Haß gegen Clementis, der 1939 in der Londoner Emigration den Hitler-Stalin-Pakt verurteilte, 1949 tschechischer Außenminister wurde und schließlich von Slansky „gesäubert“ ward, datiert aus jener Zeit. Slansky behielt sein Hauptquartier in Moskau bei, bis er 1945 die Ernennung zum Generalsekretär der tschechischen KP in der Tasche hatte. Sein aussichtsreichster Gegenkandidat, Jan Sverma, war 1944 bei einer geheimen Mission in der Slowakei unter sehr fragwürdigen Umständen umgekommen, während Slansky alseinziger Überlebender, von der Aktion zurückkehrte. Die Gattin Svermas, die lange Zeit im Generalsekretariat eine hohe Position bekleidete, wurde von Slansky erst vor einigen Monaten „gesäubert“. Möglich, daß sie zuviel gewußt hat. In Prag hat Slansky die Rolle im Hintergrund vorgezogen. Er zog, zusammen mit seinen jetzt gestürzten Freunden Geminder und Koehler, die Fäden des Staatsstreichs von 1948, der der Scheindemokratie, von Benesch und Masaryk ein plötzliches Ende machte, aber er ließ Gottwald die Rolle an der Rampe spielen.

Zu dem rostigen Schema der Säuberungsprozesse in den Satellitenstaaten gehört der Vorwurf des Nationalismus. Ihn kann man gegen den wilden Internationalisten Slansky gewiß nicht zu Recht erheben. Allein von Slansky gilt, was auch von Tito galt. Er gehörte zu der Clique des 1948 verstorbenen russischen Kominternchefs Schdanov. Dieser, damals Kronprinz der Sowjetunion, war zwar nie stalinfeindlich, aber er und die mit ihm verbündeten Kominternchefs der Satelliten versuchten doch, die Sowjetunion – im Gegensatz zum Stalin-Kurs – für rasche, und sei es auch kriegerische Vorstöße nach Westen zu gewinnen. Als Schdanov starb und sich – neben Malenkow – der MVD-Chef Berija als sowjetischer Himmler in der Moskauer Innenpolitik immer stärker durchsetzte, da war es naturgemäß um die Bannerträger des Schdanov-Kurses geschehen. Tito fand den Mut zum Absprung – Rajk in Budapest und Kostov in Sofia aber wurden hingerichtet. Ein gescheiter Beobachter sagte nach der Verhaftung von Slansky, man sollte sich nicht über seinen Sturz, sondern über das späte Datum seines Sturzes wundern. Der Fall Slansky gehört noch zur Liquidation des linken Flügels des Kommunismus, der in den Satellitenländern in „Nationalismus macht“, seit er in Moskau den Rückhalt verloren hat. Es ist nur ein Zeichen für das maschinelle Funktionieren dieser Säuberungen, wenn man in einigen Monaten den linksradikalen Kommunisten Slansky neben dem rechtsstehenden Kommunisten Clementis unter gleichen Beschuldigungen nebeneinander auf der Anklagebank sehet sollte. Inzwischen mögen Gottwald, Rakosi und die Pauker ihre Loyalität beteuern und angstvoll auf die nächste Welle warten, H. A.