Ein Gespenst hat an die Tore der Bundesrepublik geklopft: Ein neuer Flüchtlingstreck. Sieben Jahre nach der Kapitulation, sieben Jahre, nachdem die letzten Wagen aus dem Osten über die zerschossenen Straßen Deutschlands rollten, wollen die Flüchtlinge von Schleswig-Holstein wieder trecken. Zwei Flüchtlinge aus dem Dorf Süderbrarup waren es, die nach dem Scheitern der durch Bundesgesetz beschlossenen offiziellen Umsiedlung in die südwest- und westdeutschen Länder zu dieser Aktion aufgerufen haben. „Hoffnungslose auf der Jagd nach Hoffnung“ hieß ein Bericht der „Zeit“ vom 22. November 1951 über den Selbsthilfetreck. Damals druckten wir auch einen Brief ab, den ein schwerkriegsverletzter Flüchtling, der seit Jahren von seiner Familie getrennt auf der Insel Nordstrand in namenlosem Elend lebt, an die Treckvereinigung geschrieben hatte. Und wenige Tage später konnten wir die Verbindung herstellen zwischen diesem verzweifelten Menschen und einem Menschen guten Willens aus Hamburg, der dem Flüchtling ein Baudarlehen von 1500 DM anbot. Heute, wenige Tage vor dem Weihnachtfest, veröffentlichen wir weitere Briefe von Flüchtlingen an die „Treckvereinigung Schleswig-Holstein, Süderbrarup, Postfach“. Sie zeigen ungeschminkt die Situation, in der sich viele Flüchtlinge in Schleswig-Holstein befinden.

Wir sind zwei ältere Männer, die bei einem wegen seiner Flüchtlingsfeindlichkeit bekannten Großbauern mit zwei Grundstücken unter unwürdigen Verhältnissen wohnen, noch dazu 14 km Fußmarsch von jeder Einkaufsquelle in der Stadt entfernt. Ich bin 51 Jahre alt, im Kriege dreimal bauchverletzt, mein Vater schon 82 Jahre alt. Wir möchten Sie bitten, uns an Ihrem Treck teilnehmen zu lassen.“

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„Ich habe mich schon hier bei uns im Lager im Jahre 1949 gleich als sechste Person freiwillig zur Umsiedlung gemeldet und noch heute sitze ich hier. Im Januar bin ich sechs Jahre hier im Lager. Mein Mann wurde 1945 beim Einmarsch der Russen in Danzig von Russen verschleppt und ist seither verschollen.“

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„Wie ich aus der Zeitung entnehme, hat man dort eine Treckgemeinschaft für Ostflüchtlinge zusammengestellt. Ich bin als alleinstehende Flüchtlingsfrau schon über drei Jahre arbeitslos und lebe nur vom bißchen Stempelgeld, das zum Sterben zuviel, aber zum Leben zuwenig ist. Man kommt kaum vor Hunger in den Schlaf. So befinde ich mich in einer unmenschlichen Verzweiflung. Der Verstand droht allmählich zu versagen und das Leben hat weder Sinn noch Inhalt. Ich habe mich zudem schon vor langer Zeit zur Flüchtlingsumsiedlung im Kieler Rathaus eintragen lassen. Leider wird nichts getan. Es bleibt eben immer weiter so, und an Arbeit ist hier überhaupt nicht zu denken, so daß man allmählich ins Irrenhaus oder in den Tod wandert. Darum hätte ich Sie gern höflichst gebeten, mich auch als Heimatvertriebene in Ihre neu gegründete Treckgemeinschaft aufzunehmen und mich in Ihre Liste zur Umsiedlung nach Süd- und Süd Westdeutschland eintragen zu wollen. Ich wüßte sonst keinen anderen Rat mehr, und würde Ihnen tausendfach dafür danken ... Ich bin schon in verschiedenen Branchen tätig gewesen. Ich würde mich auf jede Tätigkeit umstellen. Ich würde auch noch lernen. Auch könnte ich als gelernte Rote-Kreuz-Schwester zum Beispiel beim Transport die Alten und Kranken betreuen helfen.“

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