Friedrich Georg Jünger: Grüne Zweige. Ein Erinnerungsbuch. (Carl Hanser Verlag, München, 271 S., Leinen 10,80 DM.)

Auch dies mag nicht wenigen eine Lektüre von Friedrich Georg Jüngers Erinnerungsbuch empfehlen, daß darin vieles aus der Jugend seines Bruders Ernst sich abzeichnen muß. Aus Jahren und von Gelegenheiten her, die beide in und bei Hannover zusammenführten. Und keineswegs bloß in der knappen, markanten Szene, die Friedrich Georg der Heimkehr des drei Jahre älteren Bruders aus dem afrikanischen Jugendabenteuer widmet. Aus den nüancierten Beschreibungen ihrer gemeinsamen Ödland-Exkursionen am Steinhuder Meer (noch vor dem ersten Weltkrieg) leuchtet etwas wie ein vorweggenommener Erlebniskristall der soviel späteren „Marmorklippen“. Der Akzent liegt freilich nicht so sehr auf diesen Bezüglichkeiten der Vorgänge, noch auch auf den Schülerjahren oder den Kriegs- und Nachkriegserlebnissen des Abiturienten und Fahnenjunkers. Sein spezifisches Gewicht hat das Erinnerungsbuch vielmehr in der Auseinandersetzung, die den Juristen Friedrich Georg Jünger nötigt, das abgeschlossene Studium und die frisch aufgenommene Praxis hinter sich zu werfen wie eine unerträglich geschrumpfte Schlangenhaut. „Die Riegel, durch die uns bestimmte Türen verschlossen werden“, erfährt er am Wendepunkt, „werden von untergeordneten Türstehern bedient.“ Was nicht ausschließt, daß der Werdende mitunter selbst die Riegel faßt, da auch er nicht wahllos eintreten darf in alle Türen, die sich ihm auftun. In einem so verhaltenen, so schwebend gelassenen Ton offenbart sich das in Friedrich Georg Jüngers Jugendrückschau, daß man fast darüber hinweglesen könnte, wie sehr allenthalben von Prüfungen und Bewährungen die Rede ist. Von gelebtem, oft traumwandlerisch beglücktem Leben. Von einem hellwachen Glück im Umgang mit der Natur. Wird dabei die historische Figur der Jahrzehnte, innerhalb derer sich alles abspielt, nicht einmal gestreift, so tritt um so sinnfälliger hervor, „was viele Mühen belohnt“. Jenes „eigene Geschehen und Vollbringen“, in dem sich die Persönlichkeit findet.

Hansgeorg Maier