Von Eberhard P. Michalek

Bücher haben ihre Fata, und daran sind oft die Waschzettel schuld. Auch Funksendungen kann es fatal ergehen (daß man sie nämlich gar nicht erst anhört) – sollte das mitunter an der Ansage liegen? Nur wenige hören „sowieso“ dies oder jenes Programm; die Mehrzahl muß mindestens aufmerksam gemacht werden, will vielleicht vorbereitet, jedenfalls umworben sein. Laßt eure Ansagen hören, und man wird euch sagen, was für Programmdirektoren ihr seid...

Mit der Höflichkeit beginnt es, ach, schon ist’s mit ihr zu Ende: „Sollten Ihnen diese Sendungen nicht zusagen, müssen Sie schon einmal die Programme des UKW studieren!!“ O nein, Herr Sprecher des NWDR, Sie müssen schon einmal studieren – einen Knigge für Ansager oder den Werbefunk: „Sollten Ihnen diese Artikel nicht zusagen, bitten wir Sie, unsere Listen B und C durchzusehen.“ Lieber keine „Wahrheiten“, als solche: „Ich gebrauche gelegentlich ein fremdsprachliches Zitat, damit auch der Intellektuelle sich nicht zu schämen braucht, daß er einer solchen Sendung zugehört hat.“ (Wer fing doch damit an, „den Intellektuellen“ in Deutschland lächerlich zu machen?) Lieber Funkstille, als: „Bei dieser Stadt fand eine Schlacht statt; aber das wissen Sie ja nicht – Sie sind ja froh, wenn Sie wissen, wo diese Stadt liegt.“ Wir sind froh, wir zahlenden Gäste des NWDR, in der Tat, wir sind’s – wenn wir wissen, wo andre westdeutsche Sender liegen. Stellen wir einstweilen diese ein, und hören: sie, alle sechs, üben immer Höflichkeit (München gar sagt zehnmal am Abend die Zeit an).

An der Ansage hängt es, ob wir aufmerken. Kommt etwa ein Kriminalstück, muß vorher schon akustisch demonstriert werden, daß es unmöglich ist, von Edgar Wallace (oder sonst jemand) nicht gefesselt zu sein. Mitten in einer Unterhaltungssendung unterbrach der Bayerische Rundfunk das Programm: „Achtung! Achtung! Hier ist Mister Convay aus dem Kriminalhörspiel „Patricia und die Juwelen‹. Wir bringen um 21 Uhr 50 ...“ Auch Radio Bremen, obwohl es oftmals hanseatische Reserve übt, kündigte das gleiche Spiel mit gehetzter Stimme an, die Spannung begann vor dem Abenteuer. Einmal ist es die Spannung, ein andermal das Amüsement, dann wieder der Ernst – immer muß die rechte Erwartung eines Programms geweckt, in seinem Verlauf (sofern die eigentliche Sendung nicht ununterbrochen für sich selbst sorgt) gehalten werden und am Ende befriedigt sein; hier tritt das erste wirkliche Problem für die Ansage auf, so alt wie der Funk, indes wohl ein wenig vernachlässigt. Bei der Tanzmusik allerdings ward es bereits gelöst: sie führt sich selber am besten ein und wird daher während des ersten und letzten (leiser werdenden) Schlagers an- und abgesagt. Für weniger wichtige Sendungen gibt es noch kein genaues Rezept.

Das zweite echte Problem der Ansage: die (oft recht disparaten) Sendungen eines Abends geschickt – aber nicht gesucht, taktvoll – doch prägnant abgesetzt, persönlich – ohne unsachlich zu sein ineinander überzuleiten – es kann mit so kleinen Mitteln nicht bewältigt werden. Daher helfen sich die Programmchefs gern mit dem Universalmittel „Funkstille“; anschließend Pausenzeichen, anschließend Sprecherwechsel – auf geht’s. Es geht indes auch anders, und um das zu hören, müssen wir wieder den NWDR – sit venia studio! – einstellen. Mit dem neuen Intendanten Ernst Schnabel zog hier auch eine neue Ansage ein: Ein Sprecher übernimmt zuweilen die Ankündigung für den ganzen Abend, seine Zunge knüpft Sendung pausen(zeichen)los an Sendung, auch wird der Hörer dauernd angeredet (falls ihm nicht gut zugeredet wird – siehe oben). Dieses Experiment, an sich begrüßenswert, mißlingt, sobald die Ansage sich höherschätzt als das Programm und die Sendung zur Pause des Sprechers macht. Und das ist gar nicht so selten.

Hier fehlt nur noch die Ansage ohne Sendung – gemach, auch sie ward schon erfunden: in der wöchentlichen Programmvorschau. Man kündigt an, für sieben Tage und in einer halben Stunde, zu welchem Zweck eigentlich, wird nie ganz klar. Traf wer schon wen, der’s hörte? Funksendungen haben eben ihre Schicksale, und bei dieser ist bestimmt die Ansage daran schuld.