Erzählung von August Scholtis

Am Tage der Vigilia, in der Christenwelt Heiliger Abend genannt, wanderte ein schlesisches Bauernmädchen frühmorgens nach der letzten Adventsmesse aus ihrem Dorf zum nächsten Marktflecken. Rusla zog am Fuße der Altvaterberge durch unendliche Wälder, summte dabei fromme Weisen vor sich hin, welche sie seit Wochen mit dem Organisten einstudiert und heute um Mitternacht zur Christmesse im heimatlichen Kirchlein darbieten sollte. Wie die Bauern meinten, die sich auf dieses Ereignis schon seit Wochen freuten, hatte Rusla eine liebliche Stimme. Mit dieser Stimme unterstützte Rusla den tiefen Baß des Kantors jeweils bei Beerdigungen, Hochzeiten, Prozessionen, Wallfahrten und allen großen Kirchenfesten, so auch zur Vesperandacht während jubilierender Responsorien. Und nun sang sie alles unbekümmert durcheinander in die frostklirrende Natur hinaus.

Rusla war die jüngste Tochter reicher und frommer Bauersleute. Insbesondere Organist und Pfarrer begeisterte sie zu kollossalen Lobsprüchen und Eifersüchteleien, welch beide Honoratioren dies Mädchen gern mit entsprechenden Anverwandten verheiraten wollten, ihres Reichtums wegen, nicht minder aber auch ihrer unschuldigen Anmut.

Die Eltern hatten Rusla mit Geld versehen, und sie trug einen mächtigen Tragekorb auf dem Rücken, um im Marktflecken etliche Besorgungen zu machen. Daheim auf dem väterlichen Bauernhof wurden indessen wie üblich Kuchen gebacken, Hühnchen geschlachtet, Karpfen geschuppt und alles vorbereitet für das Fest. Von dieser Reise wollte Rusla am Nachmittag rechtzeitig zurückkehren, um nach überlieferter Sitte den Heiligen Abend mit Eltern und Anverwandten zu begehen und sich danach vorzubereiten auf die Wiedergabe aller einstudierten Gesänge, während der Christmesse um Mitternacht im ehrwürdigen Kirchlein am Hügel.

Am Nachmittag strahlte plötzlich der goldene Abendstern aus dem Nichts eines unendlich geweiteten frostklaren Firmaments. Er wiegte und schaukelte über den dunklen Tannenwäldern der Altvaterberge, indes Ruslas Eltern sich auf das Abendmahl vorbereiteten, langsam ein wenig besorgt um Rusla, die wider Erwarten immer noch nicht heimgekommen war. Schon kam der aufgeregte Organist angelaufen, begann verzweifelt die Hände zu ringen, und langsam verbreitete sich im Dorf die besorgte Kunde, daß Rusla von ihrer Reise noch nicht zurückgekehrt sei. Dann läutete die Abendglocke. Die Menschen speisten in ihren Häusern, begannen danach festliche Kleider anzulegen und ins Kirchlein aufzubrechen, das auf einem Hügel erwartungsvoll aus barocken Fenstern leuchtete.

Der späte Abend ging dahin, und die Mitternacht wollte anbrechen. Im festlich erstrahlenden Gotteshaus war die gläubige Gemeinde versammelt, jedoch Rusla fehlte auf ihrem Platz am Chor. Neben der Orgel postiert standen die Musikanten, schneuzten sich aufgeregt, und ihre Blechinstrumente widerspiegelten das Kerzenlicht der anhebenden Geburt. Vor seiner Orgel saß der Organist, zappelte mit den Beinen über dem Pedalwerk, weil Rusla immer noch nicht zur Stelle und sein ganzes fleißig einstudiertes Programm in Frage gestellt war.

Aus der Sakristei hörte man dumpf Hochwürdens Stimme, dem der Kirchendiener die kostbarsten Meßgewänder anlegte. Dann traten nach einem Klingelzeichen die Ministranten aus der Sakristei, in ihrer Mitte der Priester. Mit schmetterndem Gedröhn setzte die Orgel ein mitsamt der Blechmusik. Es war der Augenblick, da der Heiland neu geboren wurde. Der Organist befingerte die Tastatur seiner Orgel, trat mächtig in die Pedale, die Bälge ächzten und quietschten, und die Musikanten bliesen mit voller Kraft. Doch Rusla, die mit ihrer lieblichen Stimme eine neue Seite der Geburt des Heilands offenbaren sollte, war immer noch nicht da. Hochwürden las die Christmesse. Nach dem Evangelium hielt er ein wenig inne, winkte einen Ministranten heran, ihm etwas flüsternd. Der Ministrant verschwand flugs in der Sakristei. Er sagte dem Kirchendiener, was Hochwürden vom Organisten zu wissen wünschte, warum also die lieblichen Gesänge Ruslas nicht einsetzten. Der Kirchendiener begab sich sofort auf die Orgelempore, Hochwürdens Frage dem Organisten soufflierend, der ungemein fauchte, im Singen fast aufschrie, zum Lächeln aller Umstehenden, bekundend, daß er Rusla doch nicht herbeizaubern könne, weil er kein Zauberkünstler sei. Ohnehin schwang in cieser ungebärdigen Auskunft des Organisten ein Ärger mit, den er mit Hochwürden ausfocht in puncto aller konkurrierenden Heiratsabsichten im Rusla.