Von Rudolf Pannwitz

Ich möchte hier nicht von der Atomphysik oder von der Atompolitik sprechen, sondern von dem richtigen Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Atom. Man sagt, daß der Mensch aus Atomen besteht. Das wird niemand bestreiten, es ist aber irreführend. Denn das teilt er mit allein, was es außer ihm gibt, und so ist damit überhaupt nichts über ihn ausgesagt. Wollte man nun versuchen, indem man von dem Atome ausgeht, einen Aufbau bis zum Menschen hin durchzuführen, so würde man etwas Unmögliches, ja Unsinniges unternehmen. Denn das Atom und der Mensch sind als eine Anfangs- und Endstufe des Lebens so unermeßlich voneinander entfernt, daß die ganze wirkliche Welt sie voneinander trennt und man nicht eine Linie der Entwicklung zwischen ihnen ziehen kann.

Doch hat im Widerspruche mit dieser einfachen Tatsache, wonach das Atom als solches den Menschen gar nichts angehen sollte, es praktisch für ihn eine ungeheure Bedeutung erlangt und ist in seinem Bewußtsein als Macht neben ihn selber getreten, für Unzählige sogar schon als Übermacht über ihn. Es wurde eine Katastrophe der Menschheit, womöglich des Erballes von ihm befürchtet. Damit übernahm das Atom die Rolle, welche im Altertum und Mittelalter die Konstellationen unseres Planetensystems gehabt haben: drohte uns mit dem Untergange unserer Welt und schickte uns Zunächst als seine Vorboten Paniken und psychische Epidemien. Ganz anders freilich als dazumal ist die eine Sache, welche die Hauptsache ist: erst ein Eingriff des Menschen hat das Atom gefährlich gemacht, und zwar wirklich gefährlich. Das Atom selbst, in seinem natürlichen Zustande, das heißt, so wie es in unserer Lebensgemeinschaft vorhanden ist, hätte nicht früher als bei der Auflösung uns etwas anhaben können. Wir aber sind mit titanischer Verwegenheit durch eine Bresche in seinen Kern hineingedrungen und halben die Beobachtung seines Zerfalles benutzt, um es willkürlich weiter zu spalten. Dies alles nicht etwa durchgehend, sondern in ganz einzelnen Fällen. Doch haben wir dadurch unvorstellbar gewaltige Explosivkräfte aus der natürlichen Bindung, die sie in unserer Lebensgemeinschaft haben, herauszureißen begonnen. Wir haben sie in die Hand bekommen und können sie zu beispielloser Vernichtung oder, durch ihre Verwandlung, auf ähnliche Weise wie etwa die elektrischen verwenden. Dazu kommt, daß wir gerade am Anfange stehn und das Folgende nicht abzusehn vermögen.

Wir befinden uns in der äußersten Angst – wovor eigentlich? Davor doch wohl, daß diese Kräfte, die wir beherrschen müssen, uns beherrschen werden. Wir betrachten sie als entfesselte Dämonen. Das aber ist eine nicht ganz aufrichtige Mythologie. Denn sie lassen uns von sich aus vollständig in Ruhe und handeln nur auf unsere Anstöße hin und auch dann in der uns ziemlich überblickbaren Weise. Unsere Angst also bezieht sich darauf, daß wir ihnen nicht gewachsen seien. Wollen wir uns nicht unwürdig und verhängnisvoll selbst betrügen, so werden wir zugeben, daß wir ihnen zwar wissenschaftlich und technisch, aber keineswegs körperlich und menschlich gewachsen sind. Dagegen hilft uns nicht die größte Anspannung des Friedenswillens und überhaupt nicht der gute Wille. Diese versagen ja schon vor unverhältnismäßig geringeren Aufgaben. Es ist leider undenkbar, zu einem wirksamen gemeinsamen Selbstschutz gegenüber dem neuen Machtmittel zu gelangen. Das geht sowenig, wie man von einem Tage auf den andern aus einem schlechten Soldaten einen Heerführer vom höchsten Range schaffen könnte. Wozu noch kommt, daß das Kollektiv sich immer viel langsamer entwickelt als das Individuum und das Kollektiv Menschheit noch ein Traum ist. Die bisherigen Anstrengungen dürfen nicht aufgegeben werden, sie müssen sogar verstärkt werden, aber eine Lösung können sie nicht erzielen, wenn nicht etwas hinzutritt, das ihnen weit überlegen ist.

Wie und wo läßt sich das entdecken? Gehen wir davon aus, daß die Entfesselung des Atoms eine freie Tat des Menschen war und daß auch das entfesselte Atom dem Menschen seine Freiheit nicht genommen hat. Diese Freiheit wird sich allerdings nicht darin erweisen, daß der sogenannte Mensch oder die sogenannte Menschheit auf die ihnen in die Hand gegebene Macht einfach verzichten oder sie unschädlich gebrauchen werden. Möglich aber ist, daß immer mehr einzelne angesichts der unermeßlichen Gefahr ernstlich darüber nachdenken, was der Mensch ist und sein soll, welche Normen und welche Schranken für ihn gelten, und daß sie dabei auch eine wahre Einsicht in sein richtiges Verhältnis zu dem von ihm entfesselten Atom erlangen. Der reif gewordene Mensch, und das wäre schon ein neuer Mensch, würde in seiner ihm angepaßten. Welt keinen selbständig dahinrasenden Atomsplittern mehr begegnen. Denn er würde erstens sich und damit auch das von ihm Hervorgebrachte beherrschen, und zweitens bis in seine Wissenschaft hinein nicht einer explosiven Dynamik nachjagen, sondern auf den Aufbau immer höherer Lebenspotenzen hinarbeiten. Es ist ein alter Grundsatz der Erziehung, daß man nicht durch Verbote, sondern durch Umlenkung und Veredelung des Interesses die Roheit und Gemeinheit überwindet. Wenn nun das Interesse endlich einmal auf den ganzen Menschen und seine ganze Welt, auf die schöpferische Vollendung der Art selbst und ihrer Welt sich wendete und eine Leidenschaft dafür ausbräche wie einst im Christentum für die abgelöste Seele? Warum soll nicht, nachdem wir so viele und so große Umstürzungen erlebt haben, der Typus des Menschen, der ihnen gegenüber im Rückstände geblieben ist, nun auch seine Starrheit verlieren und, nicht zum ersten Male, sich tief verwandeln ohne sich im letzten zu verändern? Daß er bis dahin gekommen ist, vor dem von ihm aufgespaltenen Atom fassungslos zu kapitulieren, dieser Abgrund von Selbstpreisgäbe könnte der Übergang dahin werden daß er seine eigenen Aufspaltungen alle wieder zusammenfügte und als voller Mensch sein richtiges Verhältnis zu allem, also auch zum Atom gewänne, sich als Zentrum einer menschlichen Gesamtwelt gegenüber allen unmenschlichen Weltteilen behauptete,

Sind die unendlich ausgebreiteten Bestrebungen der Humanität der Weg zum Ziele? Denken wir sie hinweg, so versetzen wir uns mit einem Schlage in die durch nichts gemilderte Hölle. Und doch dürfen wir die Augen nicht davor verschließen, daß sie den Grundzustand unberührt lassen, da sie nur seinen Folgen entgegentreten. Die Humanität müßte einem allumfassenden Humanismus entspringen, der freilich alles Antiquarische abgestreift hätte und aus unseren eigenen Tiefen gewachsen wäre. Er hätte mit jedem Humanismus gemein, daß in ihm der Mensch das Maß aller Dinge wäre. Doch wäre dieser Mensch kein Torso mit abgeschlagenem Haupte und kein Herr einer Erde ohne Überhimmel. Er wäre das Geschöpf und der Träger seiner bis heute gewordenen Kultur und der Hüter ihrer unverlierbaren Werte: der erreichten Stufe und der zu erarbeitenden neuen Möglichkeiten. Damit begänne eine Gegenbewegung gegen die seiner Auflösung, sei es im Weltall, sei es in den Sachen, sei es in den Massen, Die berühmte kopernikanische Drehung hat den Menschen und seinen Standort astronomisch, das heißt kosmisch, zum Nichts gemacht. In der Folge sind sie beide, erst der Kosmos und dann der Mensch, in Relationen und Relativitäten zersetzt worden. Die Physik und die Biologie haben es endlich so weit gebracht, daß der Ruf des Propheten und des Heilandes: Verwandelt euch! (und zwar vom geistigen Willen aus!) verstummt ist vor der Unterwerfung unter nicht mehr berechenbare Wirkungen kleinster mechanischer Quanten. Hier soll nicht etwa gegen die exakte Naturwissenschaft das Wort geredet werden. Es soll nur der Mensch zu einer Haltung aufgefordert sein, durch die er seine Funktionen wieder beherrscht und nicht weiter Funktion seiner Funktionen ist. Dieser Humanismus ist nichts mehr und nichts weniger als eine große Hoffnung. Mögen durch den quellenden Auftrieb der an ihr Teilhabenden wirkliche Wandlungen zum Durchbruch kommen! Auf ähnliche Weise hat jede der ganz großen Wandlungen in Mensch und Menschheit begonnen. Das was in der Luft liegt, das was im Boden brütet, das was im einzelnen sich scheu hervorwagt, die jeweils neue Seele, hat mit ihrer unwägbaren und unsichtbaren Kraft jedes Mal die Weltachse gedreht und die Signatur einer neuen Epoche geprägt. Wollen wir also von einem Atomzeitalter reden anstatt auf einen Äon des Menschen hinzuwirken?

Aus der demnächst im Verlag Hans Carl, Nürnberg, erscheinenden Sammlung „Der Nihilismus und die werdende Welt“.