Paris, Ende Dezember

Das bis jetzt reizendste und entzückendste Lustspiel seit Beginn der neuen Pariser Spielzeit zeigt das Théâtre Saint-Georges, eine echte Pariser Komödie um die Liebe, mit der Liebe, für und wider die Liebe, mitten in einem duftenden Hain von Blumen und Blüten und mit einem spannenden Schuß Kriminalität. „Je l’aimais trop“ (Zu viel Liebe) zieht unwiderstehlich die Masse des Pariser Publikums zu dem intimen Theaterchen unterhalb der Place Pigalle halbwegs zum Montmartre. Und höchst befriedigt und erfrischt durch eine amüsante Handlung und eine reizende Darstellung voll Witz und Charme geht sie allabendlich heiter gestimmt nach Hause, um die nächsten Tage alle erreichbaren Freunde, Bekannte und Nachbarn auch hinzuschicken.

Jean Guitton heißt der Autor. Er zählt heute sechzig Jahre, ist vom Metier und verfügt über eine beneidenswerte Theatererfahrung. Denn über die Hälfte seines Lebens verbrachte er damit, für Bühne, Funk und Film Dialoge zu schreiben, lustige und ernste, heitere und traurige, aber zumeist satirische und komische. Über sechzig Theaterstücke verdankt die Bühne seinem jugendfrischen Temperament, seinem Liebenswürdigen Talent und dem stets einfallsreichen Geiste dieses amüsanten Plauderers. Er weiß ein lustiges Vaudeville ebenso geschickt auf die Bühne zu zaubern wie einen spannenden Kriminalreißer, er „dichtet“ schmissige Operetten, die Welterfolge werden, und verfaßt gute Revuetexte neben ausgezeichneten Drehbüchern und Hörspielen.

Jean Guitton meint, Blumen, Schmuck, kleine Geschenke, Schachteln voll Pralinen, mit denen sich unsere Großeltern gegenseitig das Leben verschönten und versüßten, haben in unseren brutalen Zeitläufen dem Gift und dem Revolver Platz gemacht. Und so schuf er uns eine Komödie voll kriminalistischer Spannung mit Revolver und Knalleffekt, aber trotzdem voll süßen Duftes mit geistvoll witzigem Dialog und voll warmer, rührender Menschlichkeit. Er gibt der Zeit, was ihr fehlt und was sie braucht.

Die Besitzerin eines kleinen Blumengeschäfts in vornehmster Pariser Gegend und ein zufällig am kritischsten Tag seines Lebens bei ihr eintretender Kunde erleben ein Abenteuer mit Schock- und Schreckwirkungen und überraschendsten Folgen. Nur zweimal wird geschossen. Einmal blind und einmal richtig. Einmal laut und einmal leise. Aber alle kommen heil davon. Ein paar verdiente Schrammen bleiben zur Genugtuung des Publikums. Alle Zuschauer ahnen und wissen, nur die Polizei verfolgt in tierischem Ernst die falsche Spur. Sie steht vor einem Rätsel und verhaftet und fesselt, um wieder zu enthaften und zu entfesseln, unter dem erquickten Gelächter der Zuschauer.

Und all das aus „Zu viel Liebe“.

Fernan Gravey spielt den ahnungslosen Kunden, den in der Blüte der Jahre und im Schmuck, der Blumen betrogenen Gatten, hervorragend. Er begreift es, daß seine so temperamentvolle Ehefrau (die hübsche Helene Bellanger) an der Seite seiner musterhaften Bankbeamtenkorrektheit dem lockenden Abenteurer (Jacques Erwin) verfallen mußte. Und er zieht die Konsequenz. Er begibt sich zur Blumen pflegenden und Blumen verkaufenden, entzückenden Marie-Luise (Jacqueline Porel) einer hoffnungsfrohen und blumenfreudigen Zukunft entgegen.