Von Prof. Uri, Paris

Das Mitglied des Commissariat General du Plan de Modernisation et d’Equipemen der Republik Frankreich untersucht in dem folgenden Aufsatz die Auswirkungen des Schuman-Planes auf die Beschäftigung in Europa.

In gewissen Kreisen diskutiert man die, Frage, ob der Schuman-Plan nicht in stärkerem Maße für die Marktwirtschaft als für Vollbeschäftigung eintritt. Diese beiden Gesichtspunkte stehen nicht im Widerspruch zueinander; denn die Indikationen des Marktes und der Preisgestaltung sind unerläßlich, wenn man eine autoritäre Lenkung der Erzeugung und der Verkäufe vermeiden will. Sie schließen jedoch eine Politik wirtschaftlicher Stabilisierung nicht aus, die auf einem eigenen Plane fußt.

Mit gutem Recht stellt daher der grundlegende Artikel des Vertrages, der die Sendung der europäischen Gemeinschaft der Kohle und des Stahls umgrenzt, diese Gemeinschaft in den Dienst einer Politik der Entfaltung der Arbeit und der Hebung des Lebensniveaus. Die Verbindung dieser beiden Ziele ist wesentlich. Eine Hebung des Lebensniveaus auf Grund der steigenden Produktionskraft in einer Wirtschaft, in der Arbeitslosigkeit wütet, kann keinesfalls als eine zufriedenstellende Lösung angesehen werden; denn sie wäre mit untragbar großem materiellen und moralischen Elend verbunden. Andererseits jedoch muß das Beschäftigungsproblem aus dem Gesichtswinkel einer möglichst produktiven Beschäftigung angefaßt werden, derart, daß alle Kräfte in der günstigsten Weise angesetzt werden; denn eine Wirtschaft, in der es nur deshalb für alle Arbeit gibt, weil das niedrige Produktionsniveau für jeden Erzeugungsvorgang eine anormal große Anzahl von Arbeitskräften notwendig macht, stellt eine nicht minder große Kräftevergeudung dar. Das Lebensniveau ist immer da am höchsten, wo weder offene noch versteckte Arbeitslosigkeit vorhanden ist.

Das Bestreben des Vertrages geht dahin, an der wirtschaftlichen Ausweitung zu arbeiten. Deshalb sind in ihm Förderung und Erleichterungen für die wirtschaftliche und technische Forschung vorgesehen, sowohl im Hinblick auf die Produktionsmethoden als auch auf die verschieden-, artige Auswertung der Produktion. Deshalb auch betont er die Förderung der Investitionen, die durch die Ansammlung von Finanzierungsmitteln erleichtert werden sollen.

Im übrigen bemüht man sich um die wirtschaftliche Expansion und um eine stetige Entwicklung der Kohle- und Stahlindustrien in der Zusammenarbeit mit den für die Wirtschaft ihrer Länder verantwortlichen Regierungen, die die inneren Absatzkanäle dieser Industrien kontrollieren. In dieser Richtung tut sich eine bedeutsame Perspektive auf für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Gebiete. Pläne für einen wirtschaftlichen Zusammenschluß auf rein finanzieller Basis würden bewirken, daß die Aktion sämtlicher Staaten auf den Staat ausgerichtet würde, der die am meisten deflationistische Politik betreiben würde, weil seine Außenhandelsbilanz aktiv wäre und die anderen Länder nicht die Mittel besäßen, um ihr Defizit zu finanzieren. Hingegen im Rahmen der Gemeinschaft Kohle – Stahl wird der Staat, der in Krisenzeiten die Investierungen in diesen Industrien fördert, die andern Mitgliedsstaaten mitreißen, da sie bei einem gemeinsamen Markt ihre eigenen Industrien nicht ins Hintertreffen geraten lassen können: die eventuellen Krisen werden also um so kürzer sein, je ausgedehnter diese Aktion ist.

Wenn das Ziel der wirtschaftlichen Aktivität aufgefaßt wird als eine Verbindung des Beschäftigungsproblems mit der Hebung des Lebensstandards, so ergibt sich hieraus eine notwendige Unterscheidung zwischen dem Beschäftigungsproblem in der gesamten Wirtschaft und in jeder einzelnen Industrie. Aus diesem Grunde fordert der Vertrag, daß die Gemeinschaft mithilft bei der Unterbringung der Arbeitskräfte in der Wirtschaft der Mitgliedsstaaten, nicht in den Kohle- und Stahlindustrien. In jeder einzelnen Industrie kann die Zahl der Beschäftigten nur dann wachsen, wenn die Produktion sich über die Produktionskraft hinaus entwickelt. Es wäre das Widersinnigste, was man tun könnte, wollte man die Steigerung der Produktionskraft bremsen, um die Zahl der Beschäftigten aufrechtzuerhalten.