Europa, muß mehr rüsten und mehr produzieren

Von Ernst Krüger

Die „drei Weisen“ des Atlantikrates W. Averell Harriman (USA), Sir Edwin Plowden (England) und Jean Monnet (Frankreich) haben mit einiger Verspätung den in Paris versammelten Finanzministern der atlantischen Gemeinschaft einen höchst interessanten Bericht überreicht. Auf Grund einer genauen Analyse der wirtschaftlichen und militärischen Verhältnisse in den einzelnen Mitgliedstaaten wird darin jedem Land vorgeschlagen, was es tun soll, um den atlantischen Verteidigungsnotwendigkeiten gerecht zu werden, ohne seine nationale Wirtschaft zu gefährden. Die „drei Weisen“ mögen dabei an die Warnung gedacht haben, man möge sich hüten, den starken inneren Verteidigungswall, der durch den ’Marshall-Plan errichtet wurde, einzureißen, um einen äußeren Verteidigungswall aufzubauen.

General Eisenhower hält bis zum Juli 1954 einen äußeren Wall von 60 Divisionen für erforderlich. Die Empfehlungen der „drei Weisen“ berücksichtigen diese Forderung und diesen Zeitpunkt. Sie gehen von der Annahme aus, daß die Vereinigten Staaten für die Wirtschaftsjahre 1952/53 und 1953/54 den europäischen Staaten weiterhin die gleiche militärische Auslandshilfe zuteil lassen werden, also jährlich 5,02 Milliarden Dollar. Der Bericht enthält dagegen keine Mutmaßungen über die Höhe der wirtschaftlichen US-Auslandshilfe, für die der Kongreß im gegenwärtigen Etatsjahr 1,02 Milliarden Dollar bewilligt hat.

Die Höhe der künftigen Bewilligungen des USA-Kongresses wird ohne Zweifel von den Anstrengungen und dem Willen der europäischen Staaten abhängen. Harriman hat daher bei der Abfassung des Berichtes darauf gedrängt, daß die Regierungen der einzelnen Länder Leistungen übernehmen sollen, die zum Teil erheblich über das bisherige Maß hinausgehen. Belgien beispielsweise soll seinen laufenden Wehretat um nahezu 100 v. H. erhöhen. Darüber hinaus wird erwartet, daß Belgien anderen Ländern Hilfe in Form von Eisen und Kohle, leichten Waffen und Explosivstoffen gibt. Dänemark soll seinen Wehretat von 2,5 Milliarden auf 3,1 Milliarden Kronen erhöhen. Von Italien wird eine Vermehrung der militärischen Ausgaben um 15 bis 20 v. H. erwartet. Frankreich soll seinen Wehretat um 5 v. H. vergrößern. Kanada soll seine Verteidigungsausgaben um 700 Millionen Dollar steigern und mehr Truppen nach Europa senden, Von England, das sich noch unter der Labour-Regierung zur Durchführung eines dreijährigen Aufrüstungsprogramms von 4,7 Milliarden Pfund verpflichtet hatte, wird keine Steigerung dieser Ausgaben, wohl aber eine Produktionssteigerung insbesondere in der Kohlenindustrie erwartet. Grundsätzlich wird eine durchschnittliche Erhöhung der allgemeinen Produktionskapazität um 14 v. H. in allen europäischen Mitgliedstaaten gefordert! Nur so könnten die Alliierten hoffen, ihre Aufrüstungsziele zu erreichen, ohne ihre wirtschaftliche Lage zu gefährden!

Der Bericht hat bei den Finanzministern insbesondere derjenigen Staaten, die in der Wiederaufrüstung eine schlechte Zensur erhalten haben, einstweilen helles Entsetzen hervorgerufen. Aber erst auf der nächsten, im Februar kommenden Jahres in Lissabon stattfindenden Tagung des Atlantikpakt-Rates wird sich endgültig herausstellen, ob die nationalen Regierungen die Empfehlungen der „drei Weisen“ annehmen werden oder nicht.