„1948 bekam meine Mutter einen Brief. Als meine Mutter diesen gelesen hatte, weinte sie vor Freude. Papa schrieb, daß er aus der Gefangenschaft zurückkäme. Wir erkundigten uns, wann der Zug am Hauptbahnhof ankäme. Am nächsten Tag gingen wir mit meinem Onkel zum Bahnhof. Meine Mutter und ich gingen an den Schalter, mein Onkel auf den Bahnsteig. Es waren viele Leute um uns. Gespannt blickten wir auf den Gang. Die ersten Gefangenen kamen, doch mein Vater kam nicht. Die letzten kamen durch die Sperre, aber mein Vater war nicht dabei. Auch mein Onkel kam herunter und schüttelte den Kopf. Betrübt fuhren wir nach Hause. Als wir fast vor der Tür waren, kam uns eine Hausbewohnerin entgegen und sagte, mein Vater sei schon da. Und wirklich, mein Vater kam die Treppe herunter, und ich fiel in seinen Arm ...“

Dies hat ein zwölfjähriges Kind geschrieben, als man es nach seinem „größten Erlebnis“ fragte. Die Frage ging von der Zeitschrift für katholische Jungen „Am Scheidewege“ aus, die sich mit ihrer Auflage von 180 000 an eine breite Schicht von 10- bis 14jährigen wandte. Das Ergebnis ist wahrhaft erschütternd. Es läßt die ganze Not der letzten Jahre, gespiegelt in Kinderaugen, vor uns erstehen.

Ein anderes Kind schreibt: „Mein größtes Erlebnis war im Frühjahr 1945, als die Russen in unsere Heimat eindrangen. Drei Wochen drangen die Russen Tag und Nacht in unsere Wohnung ein, plünderten und durchwühlten alles und belästigten meine Mutter und meine Schwester. Das war eine furchtbare Zeit. In der Nacht vom 3. zum 4. März zündeten die Russen unsere Stadt an. Daraufhin wurden die übriggebliebenen Leute aus den brennenden Straßen zusammengetrieben und in ein Haus gebracht. Dort schossen die betrunkenen Russen auf die wehrlosen Menschen. Dabei wurden 45 getötet und mehrere verwundet. Am folgenden Morgen wurden wir von russischen Reitern aus unserem Haus gejagt und auch in das Haus der Toten gebracht. In letzter Minute, bevor wir erschossen werden sollten, kam der Befehl: nach Rußland. Wir waren eine Gruppe von zwanzig Leuten. Ein russischer Posten brachte uns 15 km ostwärts. Dort blieben wir eine Woche, dann mußten wir zu Fuß weitergehen. Einige alte Leute starben auf dem Marsch. Bei allen diesen Strapazen war unser Schutzengel mit uns. Bald kamen Russen, die Arbeitskräfte suchten. Wir mußten mitgehen und kamen auf einen großen Hof. Die Frauen mußten für die Russen waschen und das Vieh füttern. Dadurch kamen wir nicht nach Rußland. Nach dem 8. Mai verließen die Russen den Ort, und wir machten uns heimlich auf den Heimweg. Das werde ich im Leben nicht vergessen, und ich wünsche mir nicht wieder Krieg. Denn all die toten Soldaten, denen ich begegnet bin, sind mir noch gut in Erinnerung.“

Dieses Kind ist 14 Jahre alt, es war noch nicht acht, als es dieses größte Erlebnis hatte. Dasselbe gilt von einem Kind, das schreibt: „Es war am Tage meiner ersten heiligen Beichte. Ob ich damals diesen hohen Tag verstanden habe, das weiß ich nicht mehr. Voll innerer Freude eilte ich heim zu Mutter. Doch sie war plötzlich still. Mich überkam ein Schrecken, ohne zu wissen warum. Ängstlich fragte ich meine Mutter, was sie bedrückte. Meine Mutter sagte mit Tränen in den Augen, sie sei krank. Das konnte aber nicht sein. Und plötzlich schoß es aus mir: ‚Ist Papa gefallen?‘ Die Antwort war ein Kopfnicken. Dann war alles stille.“

Noch zwei Jahre jünger ist ein anderes Kind, es schreibt: „Als wir vom Kriege auch erfaßt wurden, mußten wir in der Nacht fort. Da lag ein toter Soldat auf der Straße. Als ich ihn sah, kriegte ich einen sehr großen Schrecken, daß ich einen Schritt zurückgegangen bin.“

Fast ein Viertel aller befragten Kinder hatten ihr Haupterlebnis im Krieg, genau 23,81 Prozent. An der Spitze stehen die Schicksale der Austreibung aus der Heimat, dann kommen die Artillerie- und Luftangriffe, die Rückkehr der Väter aus der Gefangenschaft und das Elend des Einmarsches der Sieger. Darüber schreibt ein 12jähriges und damals sechsjähriges Kind: „Mein schönstes und größtes Erlebnis war meine heilige Kommunion, an der ich zum erstenmal gebeichtet und den heiligen Geist empfangen habe. Mein schrecklichstes Erlebnis war, als die Partisanen mich im Lager vom Arm meiner Mutter rissen und mich in eine Stube aufs Stroh warfen, daß ich den Arm brach.“ Vielleicht noch rührender ist folgender Kinderbericht: „Mein größtes Erlebnis, das ich niemals vergessen werde, ist dieses, daß ich meine geliebte Heimat und die lieben Toten im Friedhof verlassen mußte. Jetzt sind die Gräber öd und verlassen und niemand schmückt sie mehr ...“

„Mein größtes Erlebnis war in Halle an der Saale“, schreibt ein anderes Kind. „Es war ein Julitag des Jahres 1945. Abends um sechs Uhr kamen zwei Russen und nahmen unseren Vater mit. Die ganze Nacht warteten wir vergebens auf seine Rückkehr. Nach einem Tag erfolglosen Suchens fanden wir ihn am darauffolgenden Tage in einem vergitterten Fenster einer Villa stehen. Diesen Anblick vergesse ich nie. Von dieser Zeit an fehlt jede Spur von meinem Vater.“

So geht die Reihe der Kinderbriefe weiter und weiter. Man möchte fragen, wer das verantworten kann. Die Politiker, die sich Statistiken vorlegen lassen und dann Konferenzbeschlüsse fassen? In zehn, zwanzig Jahren sind sie alt, verbraucht. Aber die Kinder von heute werden leben...