Es waren heuer nicht nur die Pessimisten, die Landwirte und die Skatspieler, die (wie eben alle Jahre) über die bösen Zeiten, über die Preis- und Steuerschere und über die mißliche Verteilung der Trümpfe zu klagen hatten: die wirtschaftlichen Sorgen waren allgemein. In welchem Maße sie sich eben doch verflüchtigt haben, wird erst dann recht deutlich, wenn man sich der Mühe unterzieht, im Archiv zurückzublättern ... etwa bis zu dem Mitte September herausgebrachten Quartalsbericht eines unserer großen Konjunkturforschungsinstitute, dessen Leitmotiv lautete: „Schrumpfende Wirtschaft.“ Wozu man dann also auch ganz konsequent ein „Anhalten der Depression (für den Konsumgüterbereich) prognostizierte, und? zugleich ein schnell ansteigendes Defizit im Bundeshaushalt. Glücklicherweise ist die Entwicklung – auf beiden. Gebieten – völlig anders gelaufen, wie man weiß, und auch, von der Gefahr einer fortdauernden Liquiditätsanspannung kann jetzt vollends nicht mehr die Rede sein. Angesichts der schönen Unbeschwertheit, mit der sich jeder neue Quartalsbericht über die jeweils drei Monate vorher gestellten Prognosen hinwegsetzt – so, als seien sie nie gewesen –, darf ja wohl einmal gefordert werden, daß die öffentliche Kritik jene Konjunkturforscher zwingen sollte, in jedem neuen Heft die jeweils letzte Prognose in extenso zu wiederholen und eine ausführliche Begründung dafür zu geben, welche neuen Momente und Entwicklungen es „verschuldet“ haben, daß die so eigenwillige Wirklichkeit sich mehr oder minder weit von den Vorhersagen entfernt hat. Aber man möge dann, bitte, nicht nur als Erklärung angeben, daß sich die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes „unvorhergesehenerweise“ verlangsamt (oder beschleunigt) habe: denn dergleichen ist ja keine reale Begründung, sondern damit wird die Entwicklung ja eben nur „beschrieben“ – oder umschrieben.

Blättern wir noch etwas weiter zurück, so finden wir beispielsweise Ende Juli (in einer der größten westdeutschen Tageszeitungen diesmal) die Feststellung, daß sich der Wohnungsbau in einer „Krise“ befinde. Die Begründung für das Nachlassen der Bautätigkeit, das damals ja wirklich einsetzte, ist einigermaßen richtig gegeben: höhere Baukosten, bedingt durch anziehende Material preise und Löhne, haben insbesondere bei dem „aus öffentlichen Mitteln geförderten Wohnungsbau“ dazu geführt, daß die verfügbaren Fonds eben nicht mehr für soviele Wohnungen ausreichten, wie es ursprünglich geplant war. Hinzu kam, damals (zeitweilig) besonders ausgeprägt, die Knappheit an Beleihungsmitteln; „erste Hypotheken für den Wohnungsbau sind knapp“, so erläutert das unser Kollege, „denn mit ihnen läßt sich nicht viel verdienen“. Welche Konsequenzen werden nun aber aus diesen Erkenntnissen gezogen? Auch das ist sehr lehrreich ... Es heißt da nämlich wörtlich:

„Man darf sich nicht damit begnügen, (gemeint ist also: für das Baujahr 1952) bestenfalls den gleichen Betrag an öffentlichen Mitteln bereitzustellen, wie im Vorjahr, sondern man sollte mehr geben: damit der (wegen der gestiegenen Baukosten) erhöhte Bedarf bei jeder einzelnen Wohnung wieder kompensiert wird. Und man sollte für den Nachschub an Geldern für erste Hypotheken sorgen; die Form dafür wird sich bei gutem Willen finden lassen...“

Da die Fragen des Wohnungsbaus und seiner Finanzierung hier gleich noch in einem speziellen Aufsatz von besonders fachkundiger Seite behandelt werden, können wir die Kritik kurz abmachen, indem wir sie auf das allgemein Grundsätzliche beschränken. Ganz leicht ist es diesmal allerdings nicht, eine solche Kritik zu üben: denn es liegt geradezu etwas Entwaffnendes in jener Naivität, mit der hier versucht wird, Wirtschaftspolitik nach Kochbuch-Art („man nehme ...“) zu machen, und „so mal bloß eben bei Weglang“ an der Tür des Finanzministers anzuklopfen, mit der freundlichen Frage, ob er nicht („ist ja alles so viel teurer geworden!“) etwas mehr Geld zum Kostenausgleich hergeben möchte... Nun ja: so ähnlich simpel sehen ja auch viele unserer Abgeordneten die Dinge, wenn sie für ihre jeweiligen Klientel eine Kostenangleichung durch Mehraufwendungen der öffentlichen Hand fordern, ohne dabei Herrn Schäffer zusätzliche Einnahmen bewilligen zu wollen. Wohin diese Art führen muß, wirtschaftspolitische Entscheidungen nur „fallweise“ isolierend und punktuell zu treffen, anstatt die Dinge stets in ihrem Gesamtzusammenhang zu sehen, sollte man eigentlich nicht mehr zu sagen brauchen. Im Finanziellen führt ein derartiges Verhalten mit tödlicher Sicherheit zum Ruin. Darüber müßten sich mittlerweile auch jene Ratgeber im klaren sein, die unbeschwerten Herzens (und geflissentlich jeder Erörterung des Kapitalzinsproblems ausweichend) empfehlen: man sollte „für den Nachschub an Geldern sorgen“ – und in schöner Zuversicht, mit fröhlichem Gott vertrauen, noch hinzufügen: die Form dafür werde sich „bei gutem Willen“ ja wohl finden lassen ...

Wenn wir im Archiv noch etwas weiter zurückblättern, finden wir (in einer süddeutschen Wirtschaftszeitung diesmal) unter dem Datum „Hamburg, den 18. Mai“ einen Leserbrief, leider nicht mit dem vollen Namen gezeichnet, den die Redaktion unter dem Titel „Die Verantwortung der BdL“ bringt. Es heißt da:

„Der wirklichen Not kann man nur durch Schaffung von Arbeit begegnen. Gelegenheit zur Arbeit ist vorhanden: Straßen- und Wohnungsbau. Gewiß, es fehlt an Kapital. Man könnte es durch Kreditausweitung schaffen ...“

Nun ließe sich ja leicht spotten: jede Zeitung habe eben die Leser (und damit auch die Leserbriefe), die sie verdiene, und die ihrer wert seien, – wir seien jedenfalls noch nicht in die Verlegenheit gekommen, derartige Leserbriefe ad melius informandum zurückschicken zu müssen! Aber ganz so leicht sollte man es sich doch nicht machen, wenn auch der Aberglaube, Kapital sei über die Druckerpresse jederzeit in beliebiger Menge zu „schaffen“, nicht nur am grünen Holz des volkswirtschaftlichen Laien wächst, sondern leider auch, am grünen Tisch mancher Theoretiker (und mancher Bankpraktiker, die als Ratgeber zu uns kamen ...), höchst eindringlich verkündet worden ist, und das noch bis zum Herbst 1950. Dann allerdings hat die Klemme, in die wir mit unserer Zahlungsbilanz hineingeraten sind, einen solch’ eindringlichen Anschauungsunterricht vermittelt, daß die Vertreter der Kapitalschaffung durch „ungefährliche“ Kreditausweitung ( fast alle) nicht mehr voll-beschäftigt waren. Auch die wissenschaftlichen Berater der Gewerkschaften haben dann ihre Theorie nicht mehr weiter verfochten, wonach ein forcierter (also subventionierter) Wohnungsbau, bei künstlich niedrig gehaltenen Zinssätzen, dazu verholfen hätte, daß „die Kaufkraft von Einfuhrgütern abgelenkt worden wäre“, nämlich auf Möbel und Hausrat aus eigener, innerdeutscher Produktion! Ganz so einfach ist aber die Binnenmarktausweitungspropaganda doch nicht: Denn auch für Dachstühle und Möbel muß ja Holz importiert werden, was ohne Deviseneingänge aus Exporten schwer zu machen ist. Und auch über Bauarbeiterlöhne entsteht, bei dieser Art der Finanzierung, („zusätzlich“), Kaufkraft, und daraus dann wieder ein verstärkter Importbedarf. Beispidsweise an Futtergetreide, wenn der gut verdienende Mauermann oder Zimmergeselle sich mehr Wurst kauft, wenn also mehr Schweine als bisher zur Mast aufgestellt werden. Das ist nun keine Theorie mehr, sondern ein Teil jener ak:uellen Problematik, mit der sich unsere Wirtschaftspolitik auseinanderzusetzen hat.