Von Hans Schmitz-Godesberg, MdB, Präsident der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels

Daß dem Einzelhandel im letzten Jahr viel Gelegenheit gegeben war, einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Realkaufkraft zu leisten, darüber gibt es keinen Zweifel. Aber hat er wirklich etwas in dieser Hinsicht getan? Vielfach wird das bezweifelt. Tatsache ist, daß sich die Erhöhungen der Rohstoff- und Erzeugerpreise nicht schon im zweiten Halbjahr 1950 auf den Verbraucherpreis ausgewirkt haben. Das Statistische Bundesamt bestätigte erst vor kurzem noch („Wirtschaft und Statistik“, Heft 10/51), daß sich die Einkaufspreise des Einzelhandels in dieser Zeit im Gesamtdurchschnitt um 4,4 v. H. erhöhten, während seine Verkaufspreise noch um 1,1 v. H. zurückgingen. Im ersten Halbjahr 1951 aber war es nicht mehr zu verhindern, daß die Einzelhandelsverkaufspreise folgten. Trotzdem blieben sie mit einer Erhöhung um 8,1 v. H. auch in dieser Zeit hinter der Steigerung der Einkaufspreise (14,6 v. H.) zurück. Über das zweite Halbjahr 1951 liegen abschließende amtliche Zahlen noch nicht vor. Man wird aber die von dem Statistischen Bundesamt für die Zeit vom 1. Juli 1950 bis 30. Juni 1951 getroffene zusammenfassende Feststellung prinzipiell auch auf die Preisentwicklung im zweiten Halbjahr 1951 anwenden dürfen, nämlich: „Die vorwiegend vom Ausland ausgehende Preissteigerung ist im Händelsbereich teilweise aufgefangen worden.“

Damit ist die Frage nach einem wesentlichen Beitrag des Einzelhandels in der Hauptsache schon beantwortet. Das bedeutet, daß das Bemühen um eine relative Verbilligung der Absatzkosten im Bereich des Einzelhandels nicht umsonst war. Dabei unterlagen die Kosten des Einzelhandels in absoluter Hinsicht ja auch dem steigenden Trend: Seine Gehälter und Löhne sind ebenso gestiegen wie Umsatzsteuer, Transportgebühren und alle die vielfältigen Aufwendungen für Materialien, Hilfsmittel und Geräte, die der Betrieb erfordert. Für die meisten Einzelhandelsbetriebe steht jetzt eine neue Belastung durch die Erhöhung der Ladenmieten bevor. In ihrer Gesamtheit beanspruchen die hier genannten Kosten den größten Teil der Einzelhandelsspanne. Der Rest bleibt als Lohn für die Arbeit des Kaufmanns und der – in vielen Fällen ohne besonderes Entgelt – im Betrieb mitarbeitende Familienangehörigen sowie zum Ausgleich des Risikos.

Gerade das Jahr 1951 mit seiner starken Presbewegung hat vielen Kaufleuten dieses Risiko drastisch vor Augen geführt, als im Zuge der im Frühjahr einsetzenden Käuferzurückhaltuag gewisse Liquiditäts Schwierigkeiten auftraten. Man hat dem Einzelhandel in diesem Zusammenhaig vorgeworfen, seine Lagervorräte seien „spekulativ überhöht“. Aber die risikoreichen Vorausdispositionen des Handels sind ja ein Teil seiner marktwirtschaftlichen „Pufferfunktion“, die dazu beiträgt, der Industrie eine regelmäßige Beschäftigung, dem Verbraucher ein gleichbleibendes Angebot zu garantieren. Und abgesehen davon sollte man nicht vergessen, daß gerade auch diese Risikobereitschaft einen starken Damm gegen die von außen kommenden Preissteigerungen errichtete. Denn: eine dürftige Lagerhaltung hätte während des „Korea-Runs“ sehr unangenehme Verknappungen zur Folge gehabt. Die Möglichkeit, ausreichende Vorräte zum Verkauf einzusetzen – und zwar bis Ende 1950 im wesentlichen zu den alten Preisen –, hat nicht zuletzt dazu beigetragen, der durch die weltpolitischen Ereignisse in Erregung versetzten Verbraucherschaft das Gefühl einer gesicherten Versorgungslage zu geben. Darüber hinaus haben die Lagervorräte des Einzelhandels während des ganzen Jahres 1951 im Sinne einer starken Bremse auf die Preiserhöhungstendenzen gewirkt. Auch von dieser Seite her darf man also von einer Unterstützung der wirtschaftspolitischen Bemühungen um die Sicherung der Realkaufkraft und die Aufrechterhaltung der Währungsstabilität durch den Einzelhandel sprechen. Der Liquiditäts- und Rentabilitätsstatus vieler’ Einzelhandelsbetriebe im Jahre 1951 zeigt, daß ihm dies keineswegs leicht geworden ist. Die Jahresbilanzen dürften dies noch deutlicher machen.

Damit ist gesagt, daß dieser Beitrag des Einzelhandels überwiegend nicht als Ergebnis betrieblicher Rationalisierungsbemühungen erwirtschaftet werden konnte. Auch wenn man sich im vergangenen Jahr der Rationalisierungsaufgabe im Handel sehr angenommen hat, sollte man die Erwartungen nicht überspannen. Im Vergleich zu amerikanischen Verhältnissen sind die Handelsspannen bei uns nicht hoch. Niemand wird deshalb den amerikanischen Einzelhandel als rückständig bezeichnen; er trägt ja schließlich wesentlich mit dazu bei, daß der Verbraucher für sein Geld mehr erhält als in jedem anderen Lande der Welt. Die Rationalisierungsmöglichkeiten sind jedoch in der Enge unserer Markt- und Betriebsverhältnisse und wegen der geringen Höhe unserer Handelsspannen begrenzt und sehr viel schwerer zu verwirklichen als jenseits des Ozeans.

Viele Anzeichen sprechen dafür, daß sich der Rentabilitätsdruck im Einzelhandel von 1951 im neuen Jahr noch verschärfen wird. Einkaufspreise und Kosten des Einzelhandels werden eher steigende als fallende Tendenz haben (höhere Eisen-, Holz-, Kohlen-, Mietpreise und so weiter). Andererseits wird ein unvermindert starkes Konsumgüterangebot jede Milderung des Verkäuferwettbewerbs, der heute die Intensität der Jahre um 1930 erreicht hat, verhindern. Der sich daraus ergebende Zwang zur Rationalisierung wird für viele Einzelhandelsbetriebe zum Existenzproblem werden. Es darf nicht übersehen werden, daß diese Entwicklung nicht nur eine (erfreuliche) wirtschaftliche, sondern auch eine (schwerwiegende) soziale Seite hat. Der Einzelhandel befindet sich in dieser Hinsicht mit den Angehörigen anderer mittelständischer Gruppen in der gleichen Lage. Er möchte, wenn es geht, im Gegensatz zu den dreißiger Jahren verhindern, daß aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem eine politische Frage – möglicherweise ersten Ranges – wird.