Im Gegensatz zu manchen anderen Kulturerscheinungen ist der Film noch nicht am Ende – im Gegenteil: er fängt erst so richtig an. Mit fünfzig kann man ja noch nicht viel sein. Das Theater, schon zweieinhalb Jahrtausende alt, sieht heute auch wesentlich anders aus als zu des guten Thespis Zeit. Man betrachte nur etwa Thornton Wilder.

Der Film hat jeder anderen Kunstgattung voraus, daß er noch enorm entwicklungsfähig ist. Er verdankt dies dem vielgeschmähten Bündnis mit der Technik, denn die Technik ist das einzige auf dieser Welt, was noch fortschrittlich ist. Gewiß, auch die anderen Künste haben technische Voraussetzungen. Die sind indessen wesentlich begrenzt. Man kann beispielsweise ein Gedicht als Sonett oder als Ballade gestalten, man kann es in Hexametern oder in Blankversen abfassen, es reimen oder nicht reimen, stenographieren oder auf Band sprechen. Man kann es indessen nicht mit der Mundharmonika spielen oder als Schnittmuster wiedergeben. Oder in der Malerei: wenn da einer mit dem Daumen drei rote Kreise und zwei giftgrüne Dreiecke auf die Leinwand schmiert, ein Huhn darüber laufen läßt und das Ganze mit Kohle durchstreicht, dann muß er schon Picasso heißen, um dies „Gemälde“ an den Mann zu bringen. Nein, die Technik aller Künste ist sehr begrenzt, grenzenlos ist nur die der „siebenten Kunst“.

Wie erinnerlich, begann der Film zweidimensional, schwarz-weiß, stumm. Zuerst sprach er nur einen Sinn an, das Auge – und dies unvollkommen, lediglich in der sogenannten Graureihe der Farbwerte. Sodann lernte er reden, vor etwa dreißig Jahren (erster Ausspruch: „Sah ein Knab ein Röslein stehn“). Und schließlich, vor ungefähr fünfzehn Jahren, bekannte er Farbe, und ganz entsetzlich: die Besucher von „Ramona“ leiden heute noch an Sehstörungen. Soeben nun ist er im Begriff, die zweite Dimension zu überwinden, das heißt: plastisch zu werden. In Amerika, in Frankreich, England und Rußland wird bereits räumlich gefilmt, zum Teil mit ganz hübschem Erfolg. Als beispielsweise in Moskau der erste Stereofilm „Robinson Crusoe“ öffentlich vorgeführt wurde, rissen die Zuschauer vor Angst aus – so plastisch war die Sache.

Immerhin reagieren heute schon drei Sinne auf den Film: das Sehvermögen, das Gehör und – mittelbar durch die Stereoskopie – das räumliche Empfinden, der Tastsinn. Bleiben noch: Geruch und Geschmack. Hier hat das Theater schon vorgearbeitet. Max Reinhardt wandte bei seinen Inszenierungen des „Sommernachtstraum“ Tannenduftparfüm an. Im übrigen schrieb Avantgardist und Totalfilmvorausseher Schiller in den Regieanweisungen zu „Kabale und Liebe“ für den Auftritt des Hofmarschalls von Kalb einen penetranten Bisamgeruch vor, der sich über das ganze Parkett breiten sollte. Das war Anno 1784. Und da sollte es heute nicht möglich sein, im Kino bei Seeaufnahmen auch die salzige Brise schmecken zu machen oder angesichts von „Romeo und Julia“ den Fliederduft von Verona einatmen zu lassen? (Freilich, so primitiv geht das nicht, wie einige Kinobesitzer es praktizierten, indem sie bei Südseefilmen vor den Nasen der Zuschauer Palmolivessenzen zerstäuben ließen; gleich dem Ton müssen auch die Düfte in elektromagnetische Schwingungen um- und zurückgewandelt werden.

Aber all dies zusammen ergibt noch nicht den totalen Film. Es fehlt noch einiges, zum Beispiel die Teilnahme des Publikums an den geheimsten Gedanken und intimsten Gefühlen der Darsteller. Die absolute Wirklichkeit erfordert dies zwingend. Indessen – wie soll eine solche Perfektion erreicht weden? Aldous Huxley gibt in der „besten aller Welten“ einen Tip: elektrische Anschlüsse an den Kinoplätzen, Verbindung zum Gefühlsübermittlungsgerät. Solcherart kann jeder Filmbesucher an allen Denkvorgängen und Stimmungen der Leinwandgestalten partizipieren – einschließlich deren sexueller Regungen, versteht sich. Ob diese Vervollkommnung der Kinematographie je gelingen wird? Sicherlich. Die Technik ist zu allem fähig. Eine andere Frage ist allerdings, ob es jedermanns Sache sein dürfte, die erotischen und sonstigen Zustände von Herrn X, beziehungsweise Fräulein Y, per Strom aufoktroyiert zu erhalten. Aber schließlich wird man sich wohl auch daran gewöhnen. L. Thomé