Von W.-O. Reichelt, Düsseldorf

Immer wieder hat im Jahre 1951 die Montanwirtschaft im Vordergrund hitziger Auseinandersetzungen gestanden. Daß dennoch bei Kohle und Eisen gute Fortschritte erreicht wurden, ist der Dynamik zu .verdanken, die in Materie und Menschen dieser Industrie verwurzelt ist, und die die Kraft besaß, viele der uns vom Ausland aufgezwungenen und manche der aus eigerem Irrtum angelegten Ketten zu zerbrechen.

Wer nur nach der Fülle der negativen Meldungen der letzten zwölf Monate urteilte, dem wird es nicht leicht eingehen, wenn wir sagen: Deutschlands Montanwirtschaft hat 1951 eine gute Bilanz gemacht und unsere Prognose für 1952 ist durchaus positiv, Wir wollen dabei keineswegs die empfindlich wirksamen Engpisse unterschätzen. Man soll. aber auch nicht die mannigfachen Klagelieder aus „der Wirtschaft“ dramatisieren.

Selbst bei Kohle ist es besser gegangen, als viele befürchtet haben. Schon das Jahr 1950 brachte mit 110,755 Mill. t einen weit über den Weltdurchschnitt liegenden Mengenzugang, und die Bundesrepublik konnte von dem Jahresplus der europäischen Kohlengebiete von 8,3 Mill. t allein 7,5 Mill. t zusteuern, während Frankreich und Belgien in ihrer Kohlenförderung 1950 nachgelassen hatten. Nun geht das Jahr 1951 zu Eide. Deutschlands Bergbau hat in diesem Jahre seine aufsteigende Linie mit großer Stetigkeit gehalten. Es werden rd. 119 Mill. t gefördert sein, mi:hin wieder rd. 8 bis 9 Mill. t mehr als im Jahr zuvor. Damit hat Westdeutschland erneut den größten Anteil an Europas Kohlenzuwachsrate.

Aus dem sommerlichen Tief von 365 000 Tagestonnen haben die 313 000 unter Tage angelegten Kumpels inzwischen die Förderung auf rd. 400 000 t gesteigert. Wird diese Zahl gehalten, wird sie noch gesteigert werden können? Diese Frage beherrscht unverändert alle Kreise. Es gibt viele Vorgänge, die zu einer positiven Auffasung Anlaß geben. Der Kohlenbergbau ist mit seinem Schwergewicht in die Rentabilitätszone hineingewachsen. Zahlreiche Gesellschaften vermochten sogar auf dem Wege der Selbstfinanzierung und ihres maschinellen wie sozialen Ausbaues Großes zu leisten. Die psychologischen wie mechanischen Auftriebstendenzen, die die Leistung einzelner Werke auf eine gesamte Wirtschaftsbranche auszustrahlen die Kraft hat, darf nicht unterschätzt werden. Spitzenwerke reißen oft das Gros mit nach oben, und uns scheint, daß wir in das Jahr 1952 mit einer ansehnlichen und förderstarken Zahl von Spitzenwerken des Kohlenbergbaues hineingehen.

Das neue Förder-Lohn-System mit seiner Erfolgsskala für Mehrförderung wird mit dazu beitragen, für den Kumpel den Einsatz einiger geschonter Reserven ins Geschäft zu stecken. Immerhin bedeutet bei der je-Mann-und-Schicht-Leistung von zur Zeit 1450 kg eine Mehrleistung von 10 kg, also vier bis fünf Schaufeln, einen Lohnzuwachs von 1 v. H. und bei 50 kg von 5 v. H. usw. Bei der jetzigen Durchschnittsförderung von 400 000 t am Tag kann der Bergbau diese Verkettung von Leistung und Lohn „verkraften“, da zugleich eine degressive Kostenentwicklung Hand in Hand geht. Dagegen wird eine weiterreichende Regelung etwa in dem Sinne, daß die Zechen auch noch gewisse Steueranteile der Lohntüten in ihre eigene Finanzamtsabrechnung übernehmen sollen, als eine gefährliche und liquiditätsbeklemmende Konstruktion angesehen.

Wir möchten noch ein weiteres Moment anführen, das zu einer positiven Lagebeurteilung ermutigt. Die retardierende Haltung der Gewerkschaft in Sachen Kohleförderung dürfte einer fortschrittlichen Einstellung gewichen sein. Es ist im gewerkschaftlichen Lager bemerkt worden, daß die doktrinäre Verhärtung ihrer Politik auf wachsendes Mißtrauen in der deutschen Öffentlichkeit stößt, und daß man damit die Kräfte des Widerstandes gegen die übertriebenen Bevormundungswünsche der Gewerkschaften wachgerüttelt hat. Wir möchten Anzeichen einer loyaleren Auffassung begrüßen und hoffen, daß allmählich aus dem Nur-Bestimmen-Wollen ein Mit-Arbeiten-Wollen entsteht und sich durchsetzt. 1952 muß bewiesen werden, daß die ungeheure Vorleistung, die 15 Millionen arbeitender Menschen, meist zu Lasten ihrer eigenen Lebenshaltung, für 5 Millionen organisierte aufbrachten, nicht umsonst gewesen ist. Erst dann fassen die Klammern eines sozialen Verbundes um das ganze deutsche Volk und tragen mit der Milderung der Gegensätze zu einer neuen und gesteigerten industriellen und geistigen Leistungskraft Westdeutschlands bei.