Von Hubertus Ptrinz zu Löwenstein

Vier Jahre sind vergangen, seit Nicholas Murray Butler starb, und so oft sich sein Todestag jährt, gedenken die Amerikaner dieses Mannes, dessen, auch wir Deutsche uns erinnern sollten.

Als Nicolas, Murray. Butler der fünfundvierzig Jahre lang Präsident der Columbia University in New York war, im Dezember 1947 starb, widmeten ihm die amerikanischen Zeitungen Nachrufe und Leitartikel, als handele es sich um das Hinscheiden eines Staatsoberhauptes. Nicht mit Unrecht. Sein Haus galt als das inoffizielle Weißes Haus. Wer, ob In-oder Ausländer, in Amerika etwas darstellen wollte, mußte dort zu Gast gewesen sein. Butler, der in den Reihen der Republikaner stand, war einige Male Kandidat für die Präsidentschaft oder Vizepräsidentschaft gewesen. Aber auch die Präsidenten und Staatssekretäre aus den Reihen der Demokratischen Partei haben von ihm konstruktive Ratschläge empfangen, selbst dann, wenn er ihre Politik leidenschaftlich bekämpfte.

Butlers Einfluß hat tief in die internationale Sphäre, zumal in das politische und geistige Leben England, Deutschlands und Italiens hineingereicht. Im britischen Who’s Who und im Who’s Who in Amerika füllte seine Biographie anderthalb eng gedruckte Spalten: 36 Ehrendoktorate der berühmtesten Universitäten Europas und Amerikas waren aufgeführt; der Rote-Adler-Orden stand neben den höchsten Auszeichnungen, die Könige und Präsidenten von zwei Dutzend Staaten zu verleihen hatten. Es war die längste Eintragung unter den Namen der rund 60 000 führenden Persönlichkeiten der Welt, die dort verzeichnet waren.

In seinem Empfangszimmer stand – auch während der Zeit zweier Weltkriege – sichtbar für jeden der eintrat, ein großes handsigniertes Bild eines deutschen Staatsmannes, des Gott-seibei-uns der alliierten Propaganda: das Bild Bismarcks, den Butler im Jahre 1884, als er zweiundzwanzigjährig in Berlin studierte, kennengelernt hatte. – „Bismarck kam jede Woche in unsern Studentenkreis“, erzählte er gerne; „Als sei er einer von uns, nahm er an unseren Diskussionen teil. Da hatte ich eines Tages die Kühnheit, ihn zu fragen, warum er die deutsche Reichs Verfassung nicht nach dem Muster der amerikanischen gestaltet habe. Aber Bismarck, auf der Höhe seines Ruhmes, hat die Frage dieses jungen amerikanischen Niemand einst genommen. Sorgfältig und väterlich, ohne jede herablassende Geste, erklärte er mir die historischen Kräfte und den Aufbau des deutschen Staatswesens.“

Dieses Studienjahr in Berlin, das Butler in seinen Lebenserinnerungen eine „Entdeckungsreise“ nannte, wurde für seine geistige und politische Entwicklung von entscheidender Bedeutung. 1901 wurde er Präsident der kleinen, aber angesehenen Columbia University; sogleich bedachte er Deutschland ein zweites Mal, wobei er Gelegenheit hatte, mit dem Kaiser zu sprechen. Aus dieser Begegnung entstand eine Freundschaft, die ihn bis zum Ausbruch des ersten Krieges zum jährlichen Sommergast des Kaisers machte. In seinen Memoiren hat Dr. Butler besonders dem Friedenswillen des Kaisers das höchste Lob gespendet. „Man wird mich niemals davon überzeugen können“, schrieb er, „daß Wilhelm II. der Kriegsherr war, als den unsere Zeitungen ihn dauernd dargestellt haben. Sein ganzes Interesse war auf sozialen Fortschritt und auf Erziehung gerichtet.“

Butler war es, der im Jahre 1912 in England hinter den Kulissen die Lord-Haldane-Mission anregte. Er war es, der Andrew Carnegie, den philanthropischen Stahlmagnaten, veranlaßte, den Haager Friedenspalast zu bauen und die Carnegie-Friedensstiftung zu errichten. Als Präsident dieser Stiftung hat Butler dafür gesorgt, daß ihre italienischen und deutschen Gastprofessoren den ganzen zweiten Weltkrieg hindurch in voller Freiheit ihre Lehrtätigkeit ausüben konnten. – Der Kellogpakt von 1928 ist durch Butler angeregt worden. Um diese Zeit war er mit Gustav Stresemann in freundschaftlicher Verbindung. In Washington, in London und Paris hat er alle seine Beziehungen eingesetzt, um Stresemanns Politik zu unterstützen. Im Jahre 1930 hat er, wohl als der einzige Ausländer, zum Deutschen Reichstag gesprochen: er sprach über Fichtes große Tat, die in Stresemanns Werk zu neuem Leben erwacht sei.