Auch in Europa hat die amerikanische Politik erkennen müssen, daß nicht alle Blütenträume reifen. Ein hoher amerikanischer Regierungsbeamter äußerte sich vor kurzem folgendermaßen: „Unser größter Fehler seit dem Kriege – meiner Meinung nach verhängnisvoller als unsere Fehlbeurteilung der Russen – war unsere Einschätzung der Engländer. Wir unterschätzten die Macht und die Bosheit der Sowjetunion, aber wir überschätzten die Stärke der Engländer. Sie hatten 1945 starke Armeen im Felde. Sie hatten in Churchill einen beredten Sprecher, der die großen Tage britischer Macht symbolisierte, und wir merkten nicht, wie schwach sie in Wirklichkeit waren, nicht einmal als sie 1947 erklärten, sie müßten ihre alte Rolle in Griechenland aufgeben.“

Nun, eine tiefe Enttäuschung hat England nicht nur den Amerikanern bereitet. Auch die Europäer, gerade die überzeugten Europäer, haben Ursache, von dem Kurs betroffen zu sein, den die neue konservative Regierung, die seit den Oktoberwahlen im Amt ist, eingeschlagen hat. Man war gewohnt, in Churchill einen der Gründer der Europa-Union zu sehen, den Vorkämpfer des europäischen Gedankens. Man erinnerte sich seiner Reden in Zürich und Straßburg, seiner Rührungstränen im Haag, der Angriffe, die er gegen die Labour-Regierung richtete, weil sie der europäischen Integration so feindlich gegenüberstehe. Seit der gleiche Churchill aber wieder Regierungschef ist, hat er es an Erklärungen nicht mangeln lassen, daß Großbritannien nicht daran denke, an einer europäischen Föderation teilzunehmen. Daran hindere es seine Bindung an das Commonwealth. So sprach nicht nur Churchill selbst im Unterhaus, so erklärte es ausdrücklich auch Sir David Maxwell-Fife im Europa-Rat.

In Straßburg hat diese schroffe Absage wie ein Keulenschlag gewirkt. Der ehemalige belgische Außenminister Spaak hat den Vorsitz der Europa-Versammlung in einer Aufwallung von Empörung niedergelegt. Die Erklärung Churchills, daß er nach Washington fahren werde, um Großbritannien noch enger an die USA zu binden, hat im Zusammenhang mit seiner Absage an Europa einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Doch dann kamen beruhigende Nachrichten aus den Vereinigten Staaten. Man werde, so hieß es mit seltsamer Einmütigkeit in der großen amerikanischen Presse, jedes engere Zusammengehen mit England begrüßen, aber nur solange es nicht auf Kosten anderer Verbündeter der Vereinigten Staaten zustande käme. Und so suchte denn auch Churchill schleunigst in Paris den schlechten Eindruck seiner offenherzigen Politik zu verwischen, indem er bei einem kurzen Besuch versprach, man könne natürlich gewisse technische Gemeinsamkeiten mit einer zukünftigen europäischen Armee pflegen.

Mit vorbildlicher Gelassenheit hat die französische Regierung diese englische Absage aufgenommen. Man sah sich in Paris – wie Spaak in Straßburg – plötzlich vor die so sehr gefürchtete Lösung eines „Klein-Europa“ gestellt, eines Europa also, in dem Frankreich mit Deutschland verkoppelt ist, ohne durch England gesichert zu sein. Aber zur gleichen Zeit, als sich diese Situation entwickelte, berieten die Ausschüsse des französischen Parlaments den Schuman-Plan, den Vertrag über die Montan-Union, nahm das Plenum der Nationalversammlung seinen im April von den Außenministern der Mitgliedstaaten unterschriebenen Text mit großer Mehrheit an. Zur gleichen Zeit verhandelten Bundeskanzler Dr. Adenauer und Außenminister Schuman in Straßburg über den Pleven-Plan einer Europa-Armee, der bis zum nächsten Treffen der Atlantikpakt-Mächte, das im Februar in Lissabon stattfinden wird, zum mindesten paraphiert, doch möglichst bereits von den Außenministern der beteiligten Länder unterschrieben sein soll. Zur gleichen Zeit endlich wurde das Projekt eines europäischen Agrarplans, des Pflimlin-Planes, von der Europa-Versammlung in Straßburg angenommen. Die erste Konferenz über dieses neue Instrument zur europäischen Integration soll im Februar in Paris stattfinden.

Deutschland hat allen Grund, diese Entwicklung zu begrüßen. Es hat manche gegeben, die in dem engen Bündnis mit dem Westen eine Gefahr für die Wiedervereinigung unserer vier Zonen und für eine Rückgewinnung der Ostgebiete gesehen haben. Diese Maxime war auch stets eines der hervorragendsten Argumente der sozialdemokratischen Opposition gegen die Politik des Bundeskanzlers. Inzwischen ist die Frage gemeinsamer Wahlen aller deutschen Besatzungszonen vor die UNO gebracht worden. Die freien Völker haben dafür gestimmt, daß eine unabhängige Kommission der Vereinten Nationen prüfen solle, ob in dem Gebiet des heutigen Deutschland unbeeinflußte Wahlen überhaupt stattfinden können. Die unfreien Staaten – Polen an der Spitze – haben die Einsetzung einer solchen Kommission abgelehnt. Nachdem jedoch die Frage jetzt endgültig vor die UNO gebracht worden ist, wird sie von ihrer Traktandenliste nicht mehr verschwinden können. Danach also besteht kein Grund mehr, die Integration der Bundesrepublik in Europa als ein Hindernis auf dem Wege zur deutschen Einheit zu bekämpfen, und zwar weder in der deutschen Innenpolitik noch in der Politik der großen Mächte. Denn die deutsche Einheit ist jetzt zu einer Sache der UNO geworden! Und noch etwas anderes ist hiermit für alle Zukunft verhindert worden: Sollte irgendeine Großmacht auf den Gedanken kommen, separat mit der Sowjetunion zu verhandeln, so kann dies nicht mehr auf Kosten der deutschen Einheit geschehen, denn dann müßte diese Großmacht sich in einen Gegensatz zur UNO stellen.

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Es war eine sehr europäische Politik, die zu diesem Resultat geführt hat, eine europäische Politik, die von Amerika von langer Hand vorbereitet, gefördert und durchgesetzt worden ist.