Von Prof. W. Röpke, Genf

Viele Fragen finden deshalb keine Antwort, weil sie falsch gestellt sind, und viele Probleme deshalb keine Lösung, weil sie unklar formuliert sind. Nirgends wird diese simple Wahrheit kräftiger bestätigt als in dem Ringen Europas um das, was man die europäische „Wirtschaftsintegration“ nennt. Niemand kann mit gutem Gewissen behaupten, daß dieses Ringen bisher sonderlich erfolgreich gewesen sei. Aber auch nur wenige haben eine klare Vorstellung von dem Ziel, dem dieses Bemühen vernünftigerweise gelten soll. Man denkt an Zollunionen einzelner Ländergruppen oder ganz Europas, an „Hohe Behörden“, die einen Industriezweig nach dem anderen leiten und regeln, an komplizierte Geldsysteme, an irgendeine europäische Superbürokratie und an irgendeinen europäischen Superplan. Man glaubt, die „europäische Wirtschaftsintegration“ sei etwas völlig Neues und Unerhörtes, das anzustreben und zu erreichen erst unserer erleuchteten Generation vorbehalten sei, etwas höchst Ruhmvolles und Kompliziertes, das daher auch einen so geheimnisvoll gelehrten Namen wie „Integration“ erfordert, der wie viele solche Bezeichnungen noch den weiteren Vorteil hat, daß er den zu erklimmenden Chimborasso nur unbestimmt erkennen läßt. Man steckt das Ziel so hoch wie möglich und wundert sich ungeduldig, daß es so schwer zu erreichen ist. Und während man dieses Ziel in immer neuen Anstürmen vergeblich zu gewinnen sucht, vergißt man das Einfache und Nächstliegende...

Um hier klar zu sehen, ist es nützlich, die Gedanken in wenigen einfachen Punkten zu ordnen und sich immer wieder an dieses Schema zu erinnern wie an das Einmaleins. Es sind folgende Punkte:

Erstens: Unter europäischer Wirtschaftsintegration kann man vernünftigerweise nichts anderes verstehen, als einen Zustand, der zwischen den Volkswirtschaften einen so allseitig freien und wechselseitigen Handelsverkehr erlaubt, daß alle Preise und Kosten miteinander kommunizieren und jedermann, wie innerhalb der einzelnen Volkswirtschaft, jederzeit und ungehindert auf dem billigsten Markte einkaufen und auf dem teuersten verkaufen kann. Nur dann können die Wirtschaftskräfte der Länder auf die jeweils günstigsten Produktionsstandorte verteilt und die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung verwirklicht werden. Europäische Wirtschaftsintegration heißt Markt- und Preisgemeinschaft, und diese setzt ihrerseits jene Zahlungsgemeinschaft und freie Verwendbarkeit des Geldes voraus, deren Wesen wir am besten an ihrer Verneinung, nämlich der Devisenzwangswirtschaft, erkennen. Im technischen Jargon gesprochen: „Integrierte“ internationale Wirtschaft setzt „Multilateralismus“ der Handelsbeziehungen, diese aber die „Konvertibilität“ der nationalen Währungen voraus.

Zweitens: Diesen erwünschten Zustand hat es bereits gegeben, und es sind nicht mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit er zerstört worden, ist. In einem Grade, in dem wir uns das heute kaum noch zu wünschen wagen, war die europäische Wirtschaftsintegration verwirklicht, als Europa noch nicht durch Devisenzwangswirtschaft und verwandte Maßnahmen einer kollektivistischen Handelspolitik zerschnitten und durch die „Inkonvertibilität“ seiner Währungen der „Multilateralität“ seiner Wirtschaftsbeziehungen beraubt war. Es war eine Integration, die keiner Superpläne, keiner Superplaner, keiner Superbürokratie, keiner Superkonferenzen und keines Superstaates bedurfte. Gewiß waren die Schutzzölle ein ärgerlicher Fleck auf diesem Bilde, und gewiß waren diese Zölle ein Handelshemmnis: aber vielleicht waren sie es in Europa kaum mehr als in den Vereinigten Staaten die riesigen Entfernungen mit ihren hohen Kosten des binnenländischen Transportes, die wie Binnenzölle wirken.

Drittens: Diese Integration ist durch jene „neue“ Handelspolitik zerstört worden, die vor zwanzig Jahren begonnen und sich inzwischen zu einem riesigen und allgemein angenommenen System entwickelt hat. Es gipfelt in der Devisenzwangswirtschaft, die mit der Konvertibilität der Währungen die für die internationale Wirtschaftsintegration wesentliche Multilateralität aufgehoben hat. Die Devisenzwangswirtschaft aber ist zum notwendigen Schlußstein einer Gesamtpolitik geworden, die man kurz als kollektivistisch-inflationär umschreiben kann. Während damals, in jener „präkollektivistischen“ Zeit, die Trennung der Völker durch Entfernungen, Grenzen, Sprachen, Sitten oder Geldsysteme nicht hinderte, daß der ganze Erdball ein zusammenhängendes Wirtschaftssystem bildete, sind heute Zürich und München – gar nicht zu reden von Stuttgart und Dresden – wirtschaftlich weiter voneinander getrennt, als damals Lappland und Patagonien.

Viertens: Die europäische Wirtschaftsintegration – die als eine „offene“ (liberale) zugleich eine universelle war – ist also durch eine Außenwirtschaftspolitik zerstört worden, die ihren Ursprung in der mehr und mehr kollektivistisch-inflationären Politik der nationalen Regierungen hat. Es ist eine der Paradoxien des Sozialismus – vielleicht seine ernsteste und verblüffendste –, daß er, der auszog, die Proletarier aller Länder zu vereinigen, sich in der rauhen Praxis als ein wahres Sprengmittel der Völker erweist, in allen Dosen und Mischungen, in denen sein Prinzip sich heute in den Wirtschaftssystemen der europäischen Länder findet. Es ist sein Prinzip – das der nationalen Planwirtschaft –, das uns in die heutige Sackgasse der internationalen Handels- und Zahlungsbeziehungen geführt hat.