Von Volkmar Muthesius

Es war einmal ein alter Kaufmann, der sprach zu seinem Sohn: Lieber Sohn, sei mir ja recht vorsichtig mit dem Einkauf, ich fürchte, wir werden nächstes Jahr eine Flaute erleben. lieber Vater, antwortete der Sohn, woraus schließt du das? Der Vater antwortete: Im Club hat mir gestern Abend mein Freund Meier erzählt, daß an der Brüsseler Eisenbörse der Schrottpreis seit voriger Woche nicht mehr steigt; in Pittsburg geht es sogar schon etwas zurück. Darauf der Sohn: Was hat denn der Schrottpreis mit unserm Geschäft zu tun, mit Unterwäsche und Oberhemden? Lieber Sohn, belehrt ihn der Vater, solange ich zurückdenken kann, hat der Konjunkturumschwung stets mit einem Rückgang der Schrottpreise begonnen. Der Schrottmarkt ist wie ein Wetterhäuschen; er zeigt rechtzeitig die Wendung an. Warum das so ist, mögen dir die Konjunkturforscher erklären. Ich weiß es auch nicht genau, aber es muß wohl so sein, daß die Schrotthändler eine besonders feine Nase haben, und daß die Stahlwerke, die den Schrott zu neuem Stahl verarbeiten und die sozusagen an der Basis der ganzen Volkswirtschaft stehen, fürchten, weniger Stahl herstellen zu können, daß sie also weniger Schrott kaufen, wenn die ganze Welt zuvor ein wenig zu stark ins Geschäft gegangen ist, zu viele neue Fabriken gebaut hat, und wenn dann eine Atempause unvermeidbar erscheint, damit die Konsumenten erst wieder einmal nachziehen können. Wie dem auch sei, so lange ich zurückdenken kann, hat der Schrottpreis nie getrogen. Also sei vorsichtig ...!

So sprach der alte Kaufmann vor 40 Jahren. Heute ist der Sohn ein alter Mann, und er denkt oft an dieses Gespräch zurück, aber die Lehre nützt ihn nichts mehr, denn wir haben keinen Schrottpreis mehr, der in der freien Bewegung uns als Barometer der Konjunktur dienen könnte. Wir haben überhaupt an der Basis der Wirtschaft, bei den Grundstoffen, keine frei beweglichen Preise. Kohle und Eisen sind preisgestoppt, und die Folge davon ist, daß man überhaupt nicht mehr richtig beobachten kann, ob die echte Nachfrage in diesen Artikeln steigt oder fällt. Die echte Nachfrage – die unechte dagegen ist, wie immer bei gestoppten Preisen, gewaltig und dringend, und schon hierdurch wird das Bild verzerrt, zumal ja auch andere Preise „geregelt“ sind, die für die gesamte Volkswirtschaft richtunggebend sind: der Kapitalzins und die! Devisenkurse!

Die Zahl der Konjunkturdiagnostiker hat sich aber proportional zur Erschwerung ihres Handwerks durch den Preisstop und ähnliche staatliche Maßnahmen vermehrt, so daß ihr Beruf desto mühevoller geworden ist. Statt sich an der Preisbewegung orientieren zu können, müssen sie sich bemühen, in die sogenannten „makroökonomischen“ Zusammenhänge einzudringen, z. B. die „Gesamtnachfrage“ zu analysieren, die die Geldumlaufgeschwindigkeit (die ein ebenso problematischer Begriff ist) zu messen und dergleichen Dinge mehr zu treiben. Dabei wird die Statistik desto mehr angebetet, je zweifelhafter ihre Zuverlässigkeit wird. In einer nicht unbedeutenden Bank hat sich kürzlich folgendes ereignet: Der für die Abgabe der allmonatlichen statistischen Meldungen über die Einlagenbewegung und die Entwicklung aller andern Bilanzpositionen verantwortliche . Bankbeamte hatte zu seinem Schrecken entdeckt, daß er eine der komplizierten Vorschriften über diese statistischen Meldungen falsch ausgelegt und infolgedessen jahrelang eine zu hohe Zahl gemeldet hatte. Im Direktionszimmer wurde lange darüber beraten, was man tun solle. Sollte man den Fehler schlicht berichtigen und die Instanz, an die die Meldungen zu richten sind, darüber aufklären, aus welchen Gründen das Bild plötzlich ganz anders aussah? Das empfand man als zu blamabel, und man verfiel auf den Ausweg, den Irrtum schrittweise zu reparieren, ein Jahr lang allmonatlich ein Teilchen „abzuschreiben“, bis die Statistik in die richtige Reihe käme...

Wahrscheinlich passieren solche Dinge nicht gerade selten –, weit weniger natürlich im Bereich der Geldwirtschaft, als in Produktion und Handel. Was die Produktionsstatistiken anlangt, so bedarf es nicht einmal des Verdachts der Fälschungen, um dem Zuverlässigkeitsgrad der Zahlen mit Skepsis zu begegnen. Auf dem Felde der Handelsumsätze und ihrer statistischen „Erfassung“ haben Vertrauensseligkeit und Phantasie eine glückliche Ehe geschlossen. Anderes nimmt ohnehin kein Sachkenner mehr ernst, so zum Beispiel die Arbeitslosenstatistik, bei der man schon nahezu von bewußter Täuschung sprechen könnte. Und wie steht es mit den Preisindices, besonders mit dem Index der Lebenshaltungskosten?

Die Gilde der Konjunkturforscher von heute ist sehr stolz auf die Verfeinerung der analytischen Methoden, und die betriebsamsten unter diesen geschäftigen Gelehrten haben das Diagnostizieren und die Prognose zu einem „business“ eigener Art entwickelt. Es wäre zu viel behauptet, daß es schon ein „big business“ sei; bei uns wenigstens ist es das noch nicht, aber in den Vereinigten Staaten wird schon eine ganze Menge Geld mit Konjunktur-Prophezeiungen verdient. Merkwürdigerweise besteht heutzutage das Gros dieser Forscher aus Leuten, die gar keine Anhänger dessen sind, was allein den richtigen Boden für ihr Handwerk abgeben könnte: nämlich einer Politik freier Wettbewerbspreise. Statistiker und Player sind ja doch ziemlich eng miteinander verwandt, zumindest meist gut befreundet. Und sie sind im Innersten ihres Herzens samt und sonders überhaupt gegen die Konjunktur. Sie sehen nicht ein, wozu Schwankungen und Rückschläge gut sein sollen; sie wollen die „Vollbeschäftigung“. Sie wollen, daß die Maschine ständig auf hohen Touren läuft. Aber das Leben – und die Wirtschaft ist Leben, keine Maschine – ging im ganzen besser, als es schöpferische Pausen und vor allem die „Entschlackung“ durch Reiten gab: die Reinigung von „Untüchtigen“. Das ist freilich gänzlich unpopulär geworden, und die Planwirte möchten ja am liebsten überhaupt den Konkursrichter abschaffen (den Scharfrichter, nach Wilhelm Röpke die oberste Instanz in der Plan- und Zwangswirtschaft, möchten sie freilich auch nicht inthronisieren, aber irgendeine Instanz müßten wir doch wohl behalten?).

Unglückseligerweise pfuscht den Diagnostikern und Propheten der Konjunktur nun aber außer dem Preisstop und allem, was dazu gehört, auch noch ständig die hohe Politik ins Konzept. Die schönste Analyse nützt wenig, wenn, noch während die Druckerschwärze feucht ist, Stalin in irgendeinem Weltwinkel die Kanonen irgendeiner Volksdemokratie auffahren läßt, wenn die Leute in den Großstädten, unbeschwert von makro-ökonomischen und zyklischen Kenntnissen, in die Läden stürzen und sich Zucker und Seife hinlegen – sechs Monate später liefern sie dann gewöhnlich der Konjunkturforschung den Stoff für „Depressions“-Analysen, denn einmal wird ja der Sparstrumpf leer, und das ist dann der gleiche Augenblick, in dem der kleine Mann sich entschließt, doch lieber erst einmal den Zucker aufzuessen, mit dem er sich „eingedeckt“ hat.

Das sind die heutigen Konjunkturen. Da ist es schwer zu forschen, zu deuten und zu orakeln. Habt Mitleid mit den Konjunkturforschern, sie haben es wahrlich nicht leicht!