In schwarz-rotem Ruinengewand erwartet Seoul das Ende des Krieges. Der schwarze Flor der verbrannten Häuser und der Purpur des vergossenen Blutes haben das Gesicht dieser Stadt geprägt. Wechselweise schlugen Amerikaner und Nordkoreaner ihre Aufrufe an die Mauern der alten Mandschu-Tempel. Aufrufe, deren Wahrheiten in dieselben Worte mit verschiedenem Sinn gekleidet sind: Freiheit und Friede – zwei dynamitgeladene Schlagworte.

Auf den Ladenschildern der koreanischen Geschäfte prangen Befehle für die G.I.’s und Wegweiser zu ihren Einheiten. Ihre gelben Pfeile, ihr militärischer Jargon und ihre bilderreichen Symbole haben den breiten, von den Japanern während der fünfzig Jahre ihrer Besetzung angelegten Straßen, einen neuen Stempel aufgedrückt, Außer den Straßen von Seoul sind die riesigen, geschmacklosen Gebäudekomplexe, die inzwischen von Bomben zerhackt wurden, und die Erinnerung an eine grausam harte Zivilisation, das Erbe, das die Japaner hinterließen. Die Amerikaner hingegen haben Konservenbüchsen, Coca-Cola und Jeeps, ihre angeborene Abneigung gegen den in dieser Stadt herrschenden Dreck und Schmutz, ihren Nahrungsüberschuß und ihre Auffassung von Demokratie mitgebracht,

Die Bewohner von Seoul, zugetan den „fremden Teufeln“ und eingeschüchtert durch die Nähe der Nordkoreaner, haben ihre Stadt dem Ungeziefer, dem Brand und den Besatzungstruppen überlassen. Einst waren es 1 400 000 Menschen, die hier lebten, heute sind es noch 80 000. Doch allnächtlich überqueren Flüchtlinge, die der Kontrolle der amerikanischen Patrouillen zu – entgehen wußten, den Han-Fluß, verschwinden wie Dachse in den Kellern der Ruinen, kehren heim in ihre Stadt. Die Armee wird auch sie mit Reis und Spargel versorgen müssen.

Kinder in zerlumpten Gewändern verkaufen am Straßenrand Schokolade und Kaugummi, Süßigkeiten, die ihnen US-Soldaten schenkten. Andere rennen mit einer Bohnerbürste auf dem Rücken durch die verlassenen Straßen auf der Suche nach einem „Rok“ (das ist die Südkoreanische Version für „Ami“), der sich vielleicht die Schuhe putzen lassen will. In all den unbeschreiblichen Elend sind diese südkoreanischen Kinder wahre Wunder an Schalkhaftigkeit, Intelligenz, verblüffendem Lächeln und tierhafter Anmut.

Sobald eine Lehrerin das Niemandsland durchquert und die Ruinen von Seoul wieder erreicht hat, sammelt sie die jüngsten dieser Strolche um sich und lehrt sie auf offenem Felde die schwierigen Anfänge des koreanischen und japanischen ABC. Die Ungezwungenheit mit der die Kinder antworten, die Angriffslust, mit der sie der neuen, ihr Gehirn erleuchtenden Wissenschaft zu Leibe rücken, ihr Gekreisch, wenn sie auf eine Frage Antwort wissen – das alles erklärt, wieso dieses Volk Hunger, Krieg und Kälte auf leichter Schulter zu tragen vermag.

Sobald ein Jeep vorüberfährt, drängen sich Jungens und Mädchen auf dem Gehweg, kneifen die schelmischen Augen zusammen, lassen ihre perlmuttfarbig in gelben Gesichtern glänzenden Zähne blitzen und brüllen im Chor aus allen Kräften vier Ausdrücke, Eckpfeiler ihres neuen Wortschatzes: „O. K.!“ „Good bye!“ „Thank“ und Number One!“

Was nun Number One“ anbelangt, so wollen sie damit etwas Ungewöhnliches ausdrücken, etwas das ans Wunderbare grenzt. Manche von ihnen erlernen amerikanischen Slang in drei Monaten und spielen dann für eine Büchse Corned-beef die Rolle eines Dolmetschers. Sie stürzen sich auf alles Geschriebene, verschlingen es geradezu und schlagen sich um ein englisch-japanisches Wörterbuch, wenn ihnen eines dieser seltenen Exemplare in die Hände fällt. Mit fünfzehn oder sechzehn Jahren aber verschwindet diese wunderbare Vitalität. Der Gesichtsausdruck der Kinder beginnt zu erstarren. Die Lebenskraft scheint zu versiegen. Die. Frauen arbeiten und bekommen unaufhörlich Kinder, während die Männer philosophieren und sich nur dann und wann einmal um ihre Reisfelder kümmern.