Die Klima-Anlage zaubert eine angenehme Kühle in das kleine Büro. An den Wänden hängen Seekarten, und auf dem Schrank steht das kunstvoll gefertigte Modell einer arabischen Dhau. Captain Moore blättert in der Ladeliste: „Rotterdam, Thameshaven, Marseille, Yokohama, Trinidad, Philadelphia. – Ja, von hier, von Kuwait aus, geht das Öl in alle Welt. Im vorigen Monat haben wir 193 Tanker abgefertigt, und es waren große Kästen von 28 000 Ladetonnen dabei.“ Wir treten aus dem kleinen Büro hinaus auf Kuwaits berühmte Ölverladebrücke von Mena-al-Ahmadi, auf der die pipelines aus Burgan enden, dem einige Meilen landeinwärts gelegenen größten Erdölfeld der Welt. In der brütenden Sonne – trotz der Jahreszeit herrschen noch immer 30 Grad im Schatten – liegen sechs Tanker an der Brücke; draußen auf der Reede warten fünf weitere auf einen freien Platz an der Pier. Hier in Kuwait herrscht Hochbetrieb, genau wie weiter drunten im Süden in Ras Tanura, dem Ölhafen Saudi-Arabiens, wie in Umm Said, wo das Rohöl der Halbinsel Qatar in den Bauch der Tanker fließt, und wie in den libanesischen Häfen Sidon und Tripoli, den Endstationen der transarabischen und irakischen pipelines.

Im Zentralbüro der Kuwait Oil Company, das, unweit der Brücke, inmitten der modernen Ölstadt Ahmadi mit ihren Bungalows, Materiallagern und Sportplätzen auf einem Hügel liegt, erfahren wir die neuesten Produktionsziffern. Die unerhört ergiebigen Ölvorkommen tief im Untergrund der Küstenländer des Persischen Golfes spenden den begehrten Rohstoff in reicher Fülle. Einzelne Bohrlöcher des Burgan-Feldes liefern täglich Öl im Werte von anderhalb Millionen Mark! Sowohl die Ausbeute Saudi-Arabiens als auch die des kleinen Emirats Kuwait hat schon jetzt die besten Monatserträge der persischen Felder überflügelt.

Auch im Irak ist man auf dem Wege zu gleichen Leistungen. Auf dem Flugplatz von Basrah sieht man am Horizont die Rauchwolken von Erdgasfackeln des neuen irakischen ölfeldes Zubair. Soeben wurde eine pipeline fertiggestellt, die diesen vielversprechenden Förderdistrikt mit dem kleinen Hafen Fao auf der irakischen Seite des Schatt-el-Arab verbindet. Im Frühjahr werden dort, fast in Sichtweite der verlassenen ölkais von Abadan, die ersten Tanker anlegen. Gleichzeitig sind weit im Norden die schweren Krantrecker der Iraq Petroleum-Company in der weiten Wüste zwischen Euphrat und dem syrischen Horns unterwegs, um einen Parallelstrang der pipeline von Kirkuk nach dem Mittelmeer zu legen, der das Förderpotential des großen mesopotamischen Feldes bedeutend steigern soll.

Wer mit den Managern und Ingenieuren der anglo amerikanischen Ölgesellschaften im Mittleren Osten spricht und die imponierenden Anlagen der Ölfelder sieht, kommt zu der Erkenntnis, daß die Lücke, die durch den Ausfall des persischen Rohöls entstand, bald wieder geschlossen werden kann. Die arabischen Produktionsländer, Saudi-Arabien, Irak und Kuwait haben sich mit den Ölgesellschaften auf die sogenannte Venezuela-Formel geeinigt, wonach sie 50 v. H. des Reingewinns an der Erdölgewinnung nach Abzug der Förderkosten erhalten. König Ibn Saud und Emir Abdullah al Salim al Subah von Kuwait werden dadurch in absehbarer Zeit die beiden reichsten Männer der Welt sein (siehe Bilder auf Seite 18). Auch die Anglo-Iranian ist übrigens durch die rapide Steigerung der Ausbeute in Kuwait, Irak und Qatar bis zu einem gewissen Grade entschädigt worden. Sie ist in Kuwait mit 50 v. H. und in den anderen beiden Ländern mit knapp einem Viertel der Aktien beteiligt. In dem soeben veröffentlichten Jahresbericht der Anglo-Iranian-Oil Co. behauptet der Vorsitzende des Verwaltungsrates, daß die Gesellschaft bereits zwei Drittel des Ölverlustes ausgeglichen habe und zwar vor allem aus Kuwait und Irak. Die Gesellschaft hoffe, die in Abadan verlorenen Raffinerien bis zum Jahre 1953 durch andere ersetzen zu können. Die Dividende für das Jahr 1950 werde wieder 30 v. H. betragen (die Mehrheit der Aktien befindet sich in Händen der englischen Regierung).

Wirtschaftlich also bestehen auch nach dem Fall der Öl-Bastion Iran für den westlichen Markt so gut wie keine Sorgen. Wie aber sieht es mit der politischen Sicherung der Ölbasis Europas im Mittleren Osten aus? Die Beantwortung dieser Frage ergibt sich – vom Irak abgesehen – von selbst, wenn man an die einmaligen Vorteile denkt, die König Ibn Saud und die Scheichs von Kuwait, Qatar und Bahrein aus ihren Verträgen mit den angloamerikanischen Ölgesellschaften ziehen. Diese arabischen Fürsten hätten nicht wie Iran einheimische Fachleute, wenn sie den Bruch mit dem Westen vollziehen würden, um das Öl in eigener Regie auszubeuten. Außerdem verharrt die Lebensweise der Bevölkerung hier noch in der religiös gebundenen archaischen Tradition, so daß kaum mit politischen Demonstrationen nach Teheraner Muster zu rechnen ist. Anders allerdings liegen die Dinge im Irak, in dem offenbar starke nationalistische und revolutionäre Kräfte am Werk sind. Unruhen und Kundgebungen sind in Bagdad, das von jeher ein Schnittpunkt politischer und strategischer Kraftlinien war, an der Tagesordnung. Hier fällt dem immer noch dominierenden England die dringliche Aufgabe zu, durch eine behutsame und kluge Politik Zündstoff aus dem Wege zu räumen. Zündstoff, der in Persien zur Explosion und zu einem für die britische Krone ebenso schweren wie unwiederbringlichen Verlusten geführt hat.