Vor dem Kriege gab es in Deutschland vierzehn der Kunstwissenschaft gewidmete Fachblätter und Jahrbücher. Heute erscheinen erst wieder die altbewährte „Zeitschrift für Kunstgeschichte“, deren Herausgeber, Ernst Gall, von Berlin nach München übergesiedelt ist, und die unter dem Titel „Zeitschrift für Kunstwissenschaft“ vom Deutschen Verein für Kunstwissenschaft in Berlin redigierten Vierteljahreshefte. Der rührige Verlag Schnell und Steiner (München–Scheidegg) hat ein der kirchlichen Kunst gewidmetes Blatt „Das Münster“ neu herausgebracht. (Die 1947 in Leipzig von E. A. Seemann geschaffene „Zeitschrift für Kunst“ ist inzwischen wieder eingegangen.)

Soeben ist nun auch das 1906 begründete, aber seit 1939 ruhende „Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst“ mit einem neuen stattichen Bande hervorgetreten. Herausgeber sind die Staatlichen Kunstsammlungen und das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München (Prestel-Verlag, München, 256 S., 213 Abb., Leinen 50,– DM).

Die deutsche Kunstwissenschaft hat heute, nach der – mindestens vorübergehenden – Ausschaltung Berlins und seiner Museen, einen neuen Mittelpunkt in München gefunden. Das 1947 errichtete, von Ludwig Heydenreich geleitete Zentralinstitut für Kunstgeschichte hat vortreffliche jüngere Gelehrte angezogen. Einzelne Länder – darunter Hamburg – stellen dem Institut in jährlichem Wechsel junge Doktoren zur weiteren Ausbildung als Stipendiaten zur Verfügung. Von München aus wird nach dem Tode des Stuttgarters Otto Schmitt das „Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte“ redigiert, und unter Ernst Galls Direktion bearbeitet man hier auch das allen Kunstfreunden als Reisebegleiter unentbehrliche Dehiosche „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ weiter, wobei in den neuen Auflagen die schmerzlichen Verluste vermerkt werden, die der Krieg verursacht hat. Auf den Münchener Lehrstuhl wurde als Nachfolger des emeritierten Hans Jantzen der Wiener Hans Sedlmayr berufen, der Verfasser der meist genannten, freilich auch am stärksten angegriffenen Bücher der letzten Jahre („Verlust der Mitte“, 1948, ‚Die Entstehung der Kathedrale“, 1950).

In München hat der jetzt ebenfalls dort tätige ehemalige Direktor der Berliner Staatlichen Kunstbibliothek, Albert Boeckler, im Jahre 1950 die bedeutendste kunsthistorische Ausstellung des Nachkriegsdeutschland, die „Ars Sacra“, veranstaltet. Der erste Band des Münchener Jahrbuches bringt allein vier, ihrem Thema nach mit dieser großartigen Schau frühmittelalterlicher Kunst verbundene wichtige Beiträge. Die übrigen Aufsätze behandeln die verschiedensten Kunstgebiete von der Antike bis zum 18. Jahrhundert, teilweise mit sehr weiten, allgemein interessierenden Perspektiven. Die deutsche Kunstwissenschaft hat die Kraft zu vorurteilsloser, schöpferischer Forschung, durch die sie viele Jahrzehnte hohes Ansehen genoß, nicht verloren, und der gewichtige Band darf ohne Scheu einen Platz neben den großen kunsthistorischen Zeitschriften des Auslandes für sich beanspruchen. Erich Meyer