Die Wochenschau hat den Bombenattentäter Erich von Halacz gefilmt, Illustrierte haben ihn abgebildet. Denn alle Welt möchte wissen, wie ein Mann aussieht, der Menschen tötet, ohne daß sie ihm jemals etwas getan haben. Aber auf den Bildern sieht man nichts anderes als das Gesicht eines unbedeutenden, beinahe harmlosen jungen Mannes. Wir haben deshalb den Psychologen Professor Anschütz gebeten, die Motive und Gründe des menschlichen Handelns darzulegen, die solche grauenhafte Tat überhaupt verstehbar machen.

Das gemeinste und niederträchtigste, das man sich denken kann“, diese Worte fielen bei der Aufdeckung des Verbrechens, das Erich v. Halacz verübte. Kennen wir aber das Geheimnis, das hinter der scheußlichen Tat steht? Fragen wir uns nach den tieferen Zusammenhängen. Danach fragen und verstehen heißt noch nicht verzeihen.

Es gibt Fälle, in denen der Mord kein Mord mehr ist: Notwehr, Krieg, Hinrichtung, Fahrlässigkeit. In südlichen und außereuropäischen Ländern können selbst Affekte wie begründete Eifersucht und getäuschtes Vertrauen die Tötung von Menschen rechtfertigen. Man denke auch an kultische Menschenopfer und Hexenverbrennung.

Wollen wir über Recht und Unrecht beim Töten entscheiden, so ziehen wir das Geständnis des Mörders heran. Es soll die Motive und Hintergründe der Tat aufdecken. Man setzt dabei gewöhnlich voraus, daß der Täter sie selbst kennt oder doch über Umstände zu berichten weiß, die sie uns verständlich machen. Man übersieht aber, daß über die Triebfedern von vielen unserer Handlungen wenig Klarheit besteht. Die Forschung hat zwar über Triebe, Instinkte und Strebungen, über die „Primitivperson“ und das „Tier im Menschen“ viel Literatur gehäuft. Sie spricht auch von Verdrängungen, Komplexen und Ressentiments, von Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Aber die letzte Bewertung dieser Phänomene vermag die Wissenschaft kaum ohne Bezugnahme auf Weltanschauliches zu vollziehen. Das aber bedeutet zunächst ein Verstehen aus der Ganzheit einer geistig-seelischen Situation, die sich aus den Zeitumständen ergibt.

Bei allem Analysieren und Kombinieren übersehen wir oft die einfachsten Gegebenheiten unserer Tage. Man spricht zum Beispiel nur wenig davon, daß die Menschheit biologisch in einer fortschreitenden Inflation der Bevölkerung lebt. Wenn es richtig ist, daß die vitale Energie auf der Erde konstant sei, dann ist die Rolle des einzelnen heute völlig verändert. Um dasselbe zu leisten wie früher, bedarf es einer Mehrzahl von Individuen. Sozialismus und Vergesellschaftung sind der sprechende Ausdruck dafür. Dagegen aber bäumt sich der Individualismus auf. Immer wieder gibt es hervorstechende Taten des einzelnen im Positiven wie im Negativen, Erfindungen, Entdeckungen, aufopfernde Hingabe und gemeinstes Verbrechen. Nicht nur die Kunst, sondern das ganze Leben, Wissenschaft, Weltanschauung, Politik und das Handeln jedes einzelnen sind, sofern sie nicht bloße Tradition sind, expressionistisch geworden.

Es ist verständlich, wenn der Kampf des Individuums um seine Existenz, um Freiheit, Entfaltung und Glück manchmal sonderbare Formen annimmt. Wer sich der „Vermassung“ widersetzt und nicht untergehen will, hat gewöhnlich hart zu kämpfen. Unzählige positive Anlagen und Wünsche liegen brach und bleiben unerfüllt. Man nimmt von ihnen keine Notiz oder diskreditiert sie, weniger mit bewußter Absicht, als aus dem Instinkt der Abwehr gegen den Konkurrenten. Das führt zu seelischen Stauungen. Automatisch gleitet das natürliche Streben, das den normalen Weg nicht mehr findet, auf Abwege. Es erwächst ein blinder Trieb nach Rache an der Allgemeinheit. Die aber ist anonym. Und so geschieht es, daß Unbeteiligte und Unschuldige das Opfer werden.

Angesichts eines planmäßigen und kaltblütigen Verbrechens, bei dem doch der Intellekt an entscheidenden Punkten aussetzt, liegt die Vermutung eines suggestiven Zwanges von anderer Seite nahe. Die Hypnoseforschung berichtet von Fällen, in denen eine Suggestion nachträglich ihre Wirkung ausübt und auf die Minute genau zu einer unmotivierten Handlung führt. Nach den Gründen befragt, weiß der Betroffene allerlei zu berichten. Sein „Geständnis“ spricht ganz vernünftig von Gründen und Anlässen. Nur selten aber besteht eine Erinnerung an den in der Hypnose erteilten Auftrag.