Wir stehen an der Schwelle des siebenten Nachkriegsjahres. Seit der Krieg zu Ende ging, haben etwa vier Millionen Kinder in der Bundesrepublik die Schule verlassen. Eine neue Generation wächst, fast unbemerkt, in das Zeitgeschehen hinein. In ein Zeitgeschehen, das sich mit rasender Geschwindigkeit vom Kriegsende fortbewegt, das aber noch immer belastet ist mit dem alten Problem der Kriegsverbrecher.

So viel ist über dieses Thema diskutiert, agitiert und philosophiert worden, daß es kaum noch möglich ist, ohne Vorurteil, ohne Ärger und ohne Ressentiment darüber nachzudenken. Worte, wie Nürnberg, Landsberg, Werl und Wittlich, sind zu Begriffen geworden, die unweigerlich eine ganze Kette von Assoziationen auslösen und die bei den Alliierten ebenso wie bei den Deutschen die Gedanken sofort auf ein ganz bestimmtes Gleis schieben. In diesen festgelegten Gleisen ziehen sie dann ihres Wegs wie D-Züge, die aneinander vorbeifahren. Und doch wäre es wichtig, daß heute, nach so langer Zeit, diese Frage zwischen den Alliierten und uns endlich ohne Voreingenommenheit besprochen würde. Nicht nur um der Verurteilten willen, sondern vor allem um einer gemeinsamen Zukunft willen.

Daß dies notwendig ist, daß etwas mit jenen Prozessen nicht stimmt, zeigt schon die nicht abklingende Erregung, die diese Urteile in allen Kreisen der Bevölkerung auslösen. Es gibt im allgemeinen keinen Prozeß, der die Öffentlichkeit über Jahre hinaus interessiert. Wenn die Gefängnispforten sich hinter einem Verurteilten geschlossen haben, dann vergißt das Publikum gewöhnlich sehr rasch auch den sensationellsten Prozeß. Nicht so in diesen Fällen, wo die Erregung eher zu als abnimmt. Es ist außerdem bezeichnend, daß gerade jene Deutschen, die jahrelang während des Hilter-Regimes das Ende der Rechtlosigkeit herbeigesehnt haben (und niemand bestreitet mehr, daß es sie gab) zu den eifrigsten Kämpfern gegen die politischen Prozesse gehören. Kaum einer von ihnen hätte sich vor sieben Jahren träumen lassen, daß einmal der Tag kommen werde, an dem er sich veranlaßt sähe, für Kriegsverbrecher einzutreten. Gewiß machen neo-nazistische Kreise sich diese Polemik zunutze, wie der britische Hohe Kommissar in der vergangenen Woche vorwurfsvoll bemerkte. Aber werden Argumente dadurch weniger überzeugend, daß Unbefugte sich ihrer bedienen? Dürfen die Verantwortungsbewußten schweigen, aus Sorge, ihre Stellungnahme könnte von den falschen Leuten mißbraucht werden? Ist nicht gerade dies das Bedauerliche, daß jenen unentwegten Nazis stichhaltige Argumente für ihre Agitation geliefert werden? Und nicht nur ihnen. Auch der Osten spielt mit unglaublicher Virtuosität auf diesem Instrument. Die Kommunisten wissen genau, daß sie Westdeutschland nicht auf ihre Seite ziehen können, aber sie versuchen immer wieder, wenigstens einen Keil zwischen Westdeutschland und die Alliierten zu treiben. Und dafür sind die Prozesse gegen deutsche Soldaten ein geradezu unerschöpfliches Thema, vor allem angesichts der Remilitarisierungs-Pläne.

In der Tat sind gerade die Prozesse gegen die Generale und Soldaten besonders problematisch. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sämtliche Urteile gegen Offiziere der Wehrmacht anders ausfallen würden, wenn die Verfahren heute stattfänden. Das liegt an zwei Dingen. Einmal daran, daß die Atmosphäre, in der damals Recht gesprochen wurde, von Haß und politischer Erregung beeinflußt war. Und ferner daran, daß die zu Gericht sitzenden Westmächte den Krieg im Osten und seine Spielregeln nicht kannten. Heute, wo sich zeigt, daß die in Nürnberg aufgestellten Rechtssätze im Koreakrieg längst über den Haufen geworfen wurden, müßten die Sieger und Richter von Nürnberg eigentlich einsehen, daß es nicht möglich ist, die Gesetze der Haager Konvention einseitig zu respektieren. Ganz deutlich ist das gerade am Fall Manstein geworden. Manstein ist in nicht einem einzigen Punkt wegen Vergehen im Westfeldzug verurteilt worden, sämtliche Vergehen betreffen den Osten, wo der Partisanenkrieg seine eigenen Gesetze geschaffen hatte.

Für Werl hatten die britischen Behörden im Frühjahr 1950 eine erste. Revision der Urteile fest zugesagt, jetzt sind bald zwei Jahre darüber hingegangen, ohne daß irgend etwas geschehen ist. Noch heute sitzen in Werl zwei junge Leute, die als 18jährige auf Befehl ihres Vorgesetzten an Exekutionen teilgenommen haben. Ferner der Fahrer, der ein Grabschaufelkommando zum Ort der Exekution fuhr und dafür zu 10 Jahren verurteilt wurde. Da sitzt auch noch immer ein Matrosengefreiter, der am 15. Oktober 1944 nach einem Luftangriff auf Wilhelmshaven zwei abgeschossene kanadische Flieger unter eigener Lebensgefahr vor dem Ertrinken rettete – ein Vorgang, den jene Flieger vor einem kanadischen Kriegsgericht zu Protokoll gegeben haben. Am folgenden Tage stellte sich heraus, daß ein dritter Flieger sich auf den Leuchtturm gerettet hatte und so bekam der Lebensretter des Vortags den Auftrag, ihn herbeizuschaffen. Als der Kanadier sich auf dem Transport widersetzte, verletzte ihn der Begleiter durch einen Schuß, verband ihn aber sogleich und brachte ihn in das nächste Lazarett, von dem aus er nach 10 Tagen geheilt in ein Kriegsgefangenenlager entlassen wurde. Dennoch verurteilte das Kriegsgericht der kanadischen Luftwaffe den Gefreiten am 20. März 1946 zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe. Obwohl in Amerika für ihn eine Hilfsaktion gestartet und die Revision des Urteils verlangt wurde, ist nichts geschehen.

Und noch ein anderer Matrose sitzt in Werl. Ein junger Mann namens Schwender, der als 18jähriger von seinem U-Boot-Kommandanten den Befehl erhielt, auf die Wrackteile und Überlebenden eines versenkten Schiffes zu feuern. Er hatte zwar nur einen kurzen Feuerstoß abgegeben und wurde dann von einem Offizier abgelöst, aber er erhielt 15 Jahre Gefängnis, während der Kommandant und jener Offizier 1946 hingerichtet wurden. Zu diesem Fall hat der Earl of Cork and Orrery, Admiral of The Fleet, schon im Mai 1949 im englischen Oberhaus gesagt, natürlich müßte dieser wie andere Fälle revidiert werden. Aber nichts geschieht.

Was für eine Verwirrung aller Begriffe, wenn solche Kinder, die überhaupt erst im Gefängnis zu Männern herangewachsen sind, zugleich mit Gestapochefs, KZ-Häuptlingen und „höheren SS- und Polizeiführern“ (oft mit dem gleichen Strafmaß) als Kriegsverbrecher kategorisiert werden! Wie willkürlich die Rechtsprechung oft gehandhabt worden ist, geht schon aus der ganz erstaunlichen Verschiedenheit der Strafzumessung für ein und dasselbe Delikt hervor. Beispielsweise ist die Erschießung plündernder Ostarbeiter ohne Gerichtsurteil von einem britischen Gericht mit zwei Jahren geahndet worden, während ein anderes Gericht bei dem gleichen Tatbestand die Todesstrafe verhängte, die allerdings später in 21 Jahre Gefängnis umgewandelt wurde. Ein Mädchen, das in einem KZ eine untergeordnete Tätigkeit als Helferin in einem Hospital ausübte, wurde – wegen Teilnahme an medizinischen Verbrechen angeklagt – von einem britischen Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet, während ihre Vorgesetzte, auf deren Befehl jenes Mädchen gehandelt hatte, in Nürnberg zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.