Der Gesamtkurswert der an den sieben Börsen des Bundesgebiets gehandelten 624 Dividendenwerte ist in den ersten elf Monaten des Jahres 1951 von etwa 5,5 auf nahezu 10 Mrd. DM gestiegen. Die Führung hatten hierbei Kohlen- und Eisen-Aktien und die Banken, also jene Papiere, für die die DM-Umstellung bisher erst in Ausnahmefällen vollzogen ist, die also auch nach 1948 noch keine Dividende verteilt haben können. – Wenn die diesjährige Börsenbroschüre der Hansa-Bank (erschienen unter dem Titel: „Eine Bilanz der Bilanzen“), der diese Zahlen entnommen sind, gleichzeitig feststellt, daß von den 554 Börsen-Gesellschaften, deren Umstellung bereits durchgeführt ist, für das erste Jahr nach der DM – Umstellung im ganzen nur etwa 80 Mill. DM an Dividenden verteilt worden sind, so steht dies in einem gewissen Gegensatz zu dem verzeichneten Kursauftrieb. 80 Mill. DM Dividende sind 1,5 v. H. des neuen DM-Kapitals – weniger, als früher die I. G. Farbenindustrie allein verteilte, obendrein für das verlängerte Geschäftsjahr 1948/49, das für die meisten Gesellschaften 18 Monate umfaßt.

Es kommt also offenbar – einstweilen – gar nicht auf die Dividende an: wie denn auch der Bundestagsausschuß für Geld und Kredit beschließen konnte, die Höchstgrenze von 6 v. H. für die Ausschüttung von Dividenden auch in den Jahren 1952 und 1953 (!) noch beizubehalten. Eine ins Gewicht fallende Inanspruchnahme des Kapitalmarktes fand obendrein bisher nicht statt. Dazu stellt die Hansa-Bank weiter fest, daß seit Mitte 1948, also in fast dreieinhalb Jahren, für alle an den deutschen Börsen gehandelten Aktien nur in etwa 20 Fällen kleine Kapitalerhöhungen vorgenommen worden sind, die zusammen noch nicht einmal 20 Mill. DM erreichen ... Erst in neuester Zeit beginnt eine Attacke auf das anlagesuchende Publikum über die Wandelschuldverschreibungen, deren Schaffung ja Kapitalerhöhungsbeschlüsse voraussetzt,

Wenn nun gleichzeitig von einem anhaltend hohen Stand der Investitionen die Rede ist, so muß man fragen, wer eigentlich diese Zeche bezahlt. Daß die Aktionäre nicht verwöhnt werden, haben wir bereits gesehen. Der Staat selbst ist bisher nur mit einer Art Steuerstundung eingesprungen, in dem er die Fälligkeit erheblicher Steuerbeträge in eine begrenzte Zukunft hinausgeschoben und sich dafür die Erhebung späterer (und um so größerer) Steuerbeträge gesichert hat. Das geschah einmal durch den § 18 des DM-Bilanzgesetzes, nach dem auch bereits völlig abgeschriebene Güter des Anlagevermögens wieder aufleben und von neuem als Abschreibungsgrundlage dienen können. Die Bilanzwerte der Anlagen bei den deutschen Aktiengesellschaften haben daraufhin in den DM-Eröffnungsbilanzen eine Aufwertung um etwa 3 bis 4 Mrd. DM erfahren. Das Schwergewicht liegt hierbei auf dem sogenannten beweglichen Anlagevermögen, das bei der Grundstoff- und der verarbeitenden Industrie nach der Umstellung etwa drei- bis viermal so hoch zu Buche steht wie zuvor.

Seine volle Auswirkung erfuhr § 18 DM-Bilanzgesetz aber erst durch die §§ 7a bis e des Einkommensteuergesetzes, wonach bei Wiederbeschaffung, neben den gewöhnlichen Abschreibungen, Sonderabschreibungen für zwei Jahre zulässig waren, die das „Herunterschreiben“ auf die Hälfte des Bilanzwertes innerhalb von zwei Jahren ermöglichten. Auf diese Weise sind die ganz erheblichen Investitionen, die die einzelnen Gesellschaften in den letzten Jahren vorgenommen haben, zum Teil völlig abgeschrieben worden, und die Bilanzwerte der Anlagen sind manchmal niedriger als zuvor. Aufgeschoben ist freilich nicht aufgehoben. Was jetzt zuviel abgeschrieben wird, dürfte später fehlen, wenn nicht der Staat in buntem Reihum immer wieder neue Abschreibungszugeständnisse macht: Nach der generellen Abschreibungsfreiheit der §§ 7a und 7e und nach deren Beseitigung Schwerpunktverlagerung auf §§ 7c und 7d, während im Hintergrunde eine neue Abschreibungsfreiheit für die Montanindustrie und die Energiewirtschaft winkt.

Es meldet sich aber noch eine dritte große Gruppe, die von der Selbstfinanzierung betroffen sein will, nämlich die Konsumenten. Und hier gleitet die Frage auf das politische Gebiet. Wenn man sie bejaht, so heißt dies, daß die Konsumenten bei ihren Einkäufen auf die Gesamtheit (oder die Mehrzahl) der Konsumgüter einen Aufschlag zahlen müssen, der zur Finanzierung des, Wiederaufbaues und der neuen Anlagen verwandt wird. Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines solchen Aufschlages wird sich schwer beweisen lassen und schon gar nicht in seiner genauen Höhe. Immerhin ist es bemerkenswert, daß die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken in ihrem übrigens vorbildlichen Geschäftsbericht für 1950 zugeben, daß die Verkaufspreise der Gesellschaft auch eine gewisse Selbstfinanzierungsrate enthielten. Man begründet dies mit der Schnellebigkeit der Entwicklung in der Chemiefaser-Industrie, und mit der Notwendigkeit einer beweglichen Investitions- und Risikopolitik. Die Selbstfinanzierungsrate über die Verkaufspreise habe sich aber – abgesehen von den betriebsnotwendigen Abschreibungen – auf eine relativ niedrige Kapitalverzinsung beschränkt, deren Umfang allein schon durch die steuerliche Belastung begrenzt sei. – im –