Flüchtlingsschicksale in der Registratur abgelegt

Von Erik Verg

Friedland, im Dezember

Selten ist es im Grenzdurchgangslager Friedland so still wie an diesen Abenden zwischen Weihnachten und Neujahr. Nirgends ein Licht in den Baracken und Nissenhütten, nirgends ein Laut Nur am Schlagbaum hängt die große Bogenlampe. Da niemand mehr hinaus und niemand mehr hinein will, vergeudet sie ihr Licht für den hellen Rauch aus dem Schornstein der Ziegelei. So ruhig ist es immer „zwischen den Jahren“ im Lager Friedland.

Hinter der Wellblechwand sitzt einer, der nicht fortgehen kann. Jede vierte Nacht macht Horst Weber im Geschäftszimmer der Lagerleitung Telefondienst. Jede vierte Nacht, seitdem er im Februar 1946 aus Frankreich kam, seinen amerikanischen Entlassungsschein auf den Tisch legte und hörte, daß es für ihn wenig Zweck habe, nach Keuschwitz bei Liegnitz zu fahren, denn die Polen würden ihn vermutlich nicht als erbberechtigten Besitzer in die Konditorei seines Vaters einziehen lassen. So blieb er in Friedland. Kriegsverletzt, einäugig, ohne Verbindung zu seinen nächsten Angehörigen. So war es das beste für ihn, sich hinter den Tisch zu setzen, vor dem er selbst ratlos gestanden hatte. Heute gehört er nun zu den alten Veteranen der Lagerleitung. Seine Hauptaufgabe ist die Statistik. Bündel weißer Scheine für die Zivilisten und roter Zettel für die Spätheimkehrer werden ihm täglich auf den Tisch gelegt. A-Fälle, B-Fälle, C-Fälle... Horst Weber sortiert sie, zählt und schreibt die Summen jeden Tages fein säuberlich ein in die großen Listen. Die Tagessummen ergeben Wochensummen, die Wochensummen Monatssummen und diese schließlich bilden die Zahlen für den Jahresbericht. Da er diese Nacht sowieso aufbleiben müsse, hatte Lagerleiter Krause gesagt, bevor er ging, könne er ja eigentlich schon darangehen, die vorliegenden Summen zu addieren, damit man einen Überblick erhalte. Dann war er gegangen.

21 086 notiert Horst Weber auf einen Zettel. Und er rechnet aus, daß es also 57 Menschen waren, die „pro Tag“ durch das Lager Friedland gingen. Damals, als er hier anfing, zuerst beim Ordnungsdienst und dann in der Registratur, da gingen noch täglich Tausende durchs Lager. Die Ergebnisse liegen beim Kollegen Wolf in der Kartei, geordnet, gebündelt, gegliedert. 1 850 000 Registrierscheine. – „Sie heißen? Sind geboren? Wann? Und wo?“ Es waren immer dieselben Fragen. Wenn es schnell ging, hatte man sich die Leute nicht einmal angesehen. „Sie haben 1939 gewohnt in...? Sie kommen jetzt aus...?“ Zu Anfang war Horst Weber verwirrt über die vielen Namen. „Wir kommen aus Tatarnou ... Aus Rayon Calmantui... Aus Region Galati...“ Hätte man sich all die Ortsnamen auf der Karte angesehen, vielleicht hätte man mehr gelernt, als mancher Geographie-Student...

Horst Weber nimmt den Bleistift, starrt in seine Zahlenreihen und beginnt die Rechnung. Mit „Operation Link“ kamen 11083. „Link“, das hieß auf englisch „verbinden“. Horst Weber weiß, daß mit dieser Operation die auseinandergerissenen Verwandten wieder „verbunden“ werden sollten. Sie kamen aus Polen, aus Rumänien, aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn. Nein, nicht aus Ungarn, Horst Weber blättert in seinen Listen.’Hier stehen die aus Ungarn: Der Statistiker des Lagers Friedland notiert Illegale Grenzgänger: – 5350. Die Deutschen aus Ungarn, die mußten nämlich illegal über die Grenze, weil die Ostzone im gesamtdeutschen Namen für sie Umsiedlungsanträge gestellt hatte. Der letzte „Ungar“, an den sich Horst Weber erinnert, der kam am 11. Dezember. Durchgebrannt war er, bei Nacht und Nebel über die Grenze, nachdem man ihn zusammen mit 80 anderen Volksdeutschen in Kaposwar eingesperrt hatte. Horst Weber rückt näher zum Ofen. Durch die Rostlöcher der schon altersschwachen Nissenhütte pfeift der Wind. Man hat sich daran gewöhnt, auch wenn es in den Gelenken manchmal reißt, denn am Ofen hält man es doch nicht lange aus. Dort ist es so heiß, daß man müde und dösig wird.