Von Observator

München, Anfang Januar

Kurz vor Weihnachten begann vor der Münchener Spruchkammer die Hauptverhandlung gegen den ehemaligen Agenten der deutschen Abwehr, Graf Michael Soltikow. Dieser Prozeß ist der klägliche Schwanengesang einer völlig verfehlten Institution. Er wird ausgehen wie das Hornberger Schießen. Und er wird keine Klarheit bringen, ob der Angeklagte Antifaschist war oder Antisemit, ob er Widerstandskämpfer bei der Gestapo denunzierte oder ob er selbst als Mitarbeiter des Admirals Canaris Widerstand geleistet hat.

Die bisherigen drei Verhandlungstage – erst am 18. Januar wird es weitergehen – führten in einen Irrgarten von Zeugenaussagen und Schriftsätzen von bisher nie gehörten Widerstandstaten und absonderlichen Memoiren–Publikationen. Der Vorsitzende des Tribunals bemühte sich redlich, zu entwirren, was er zu entwirren vermochte und sich in der Verhandlungsführung nicht überfahren zu lassen. Allein er steckt erst seit kurzem in der komplizierten Materie. Und er machte auch kein Hehl daraus. Er zeigte sich ehrlich überrascht, als er erfuhr, daß der einstige Chef der Abwehr, Admiral Canaris, und sein Abteilungsleiter, General Oster, in deren geheimsten Auftrag Soltikow gearbeitet haben will, – Ende des Krieges gehenkt wurden ...

Die Verteidiger des Betroffenen, Dr. Bayer und Dr. Gaab, begannen mit massiven Angriffen, in denen sie Spruchkammer und Zeugen wegen Befangenheit ablehnten, weil angeblich der bayerische Justizminister Dr. Müller als Drahtzieher des Prozesses im Hintergrund stehe. Dies führte zu einem Dementi des Justizministers Dr. Müller und dann zu einem Dementi dieses Dementis durch den Verteidiger Dr. Gaab, der ein erbitterter Feind Müllers ist. In diesem Stile rollt sich das ganze Verfahren ab. Ein erster Schritt voran war es, als sich die Kammer selbst mit Müh und Not für zuständig erklärte. Nun konnte es losgehen. Und es ging los. Einen ganzen Tag lang schilderte der Betroffene, Graf Soltikow, seine einstige Rolle im deutschen Geheimdienst und seine Taten...

Als Schütze eingezogen, kam Soltikow Anfang 1940 als Agent zur Gegenspionagegruppe des Amtes Ausland/Abwehr im OKW und will hier engster Vertrauter des Amtschefs Canaris, Intimus des Abteilungsleiters General Oster und Mitglied des Verschwörungskreises um diese beiden Männer geworden sein. Keiner von ihnen lebt heute mehr. Frau Canaris bestätigt Soltikows Aussagen nicht...

General Oster in Berlin und der heutige Justizminister Dr. Müller im Abwehrauftrag in Rom – so erklärt Soltikow – hätten am 9. Mai 1941 den Westmächten die Stunde des Einmarsches in Belgien und Holland verraten. Das habe er aufgedeckt und dem entsetzten Admiral Canaris mitgeteilt. Auf Wunsch des Admirals und in Würdigung der patriotischen Motive der beiden Abwehrkollegen habe er damals geschwiegen. Verständlich, so könnte man denken. Unverständlich nur, warum der damalige Mitverschworene Soltikow heute General Oster und Dr. Müller fortgesetzt als Verräter bezeichnet, und warum ausgerechnet der Justizminister Müller, der doch angeblich Soltikow sein Leben verdankt, ihn heute durch einen Prozeß mundtot machen will...

Von jenem Tage an will Soltikow das uneingeschränkte Vertrauen von Canaris und Oster besessen und an einer Reihe von Widerstandshandlungen teilgenommen haben. Wenn man seinen Worten Glauben schenken darf, dann verdankt die Schweiz es diesem Grafen, daß ein deutscher Einmarsch in letzter Minute abgewandt wurde. Ein hoher SS-Führer – so behauptet immer noch Soltikow – habe von Canaris belastendes Material über Spionagetätigkeit Schweizer Diplomaten in Berlin verlangt, als moralische Untermaueru’ng für die „Aktion Christbaum“. Canaris habe ihn an seinen Schweiz-Experten Soltikow verwiesen, und er, Soltikow, habe – natürlich wieder unter Lebensgefahr – das von ihm selbst gesammelte, umfangreiche und schwer belastende Material vernichtet und erklärt, es läge nichts vor. Der Einmarsch wurde abgeblasen. Eine große Tat! Und was sagt die Schweiz dazu? Soltikow will in jenen Tagen Schweizer Diplomaten gewarnt haben. Müßten sie nicht aus übervollem, dankbarem Herzen bereit sein, als Zeugen aufzutreten? Bisher hat man nichts von ihnen gehört

Das sind nur zwei der Punkte, die Soltikow als Widerstandshandlungen gewertet wissen möchte. Und wenn es ihm gelingt, hat er Chancen, vollständig rehabilitiert das Münchener Tribunal zu verlassen. Denn im Sinne des Spruchkammerverfahrens Belastung kann durch Entlastung ausgeglichen werden – würde die Rettung eines demokratischen Staates und eines heute amtierenden bayerischen Ministers sicherlich alle eventuellen negativen Tatsachen bei weitem überwiegen.

Immer wieder behauptet der Graf, die ganze Verhandlung sei nichts als ein abgekartetes. Komplott, um ihn gesellschaftlich und als journalistisch unmöglich zu machen.

Gesellschaftlich? Graf Michael Soltikow, heute Ende 40, hieß bei seiner Geburt Walter Bennecke. Er war der Sohn eines Potsdamer. Oberlehrers und wurde 1926 auf Grund eines Zeitungsinserats von einem russischen Emigranten adoptiert. Den Vornamen Michael Alexander erhielt er auf Veranlassung der Abwehr, als diese ihn zu Kriegsbeginn als wohlhabenden kosmopolitischen Junggesellen russischer Abstammung tarnen wollte, um ihn bei der Spionageüberwachung der Berliner Diplomatie einsetzen zu können. Er liebte es damals, die boys demonstrativ durch die Hallen der Luxushotels eilen zu lassen, mit dem Ruf: „Graf Soltikow ans Telefon.“ Auch nach dem Kriege – diesmal ohne offiziellen Auftrag – suchte er in den Kreisen der Aristokratie eine Rolle zu spielen.

Journalistisch? Soltikow schreibt Tatsachenberichte und Romane. Bekannt wurde er 1949 durch seine Flugblattkampagne erst für und dann gegen den Wunderdoktor Gröning. Der Graf hatte und hat viele Gegner. Ob mit oder ohne seine Schuld, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls stellten sie fest, daß er 1932/33 in einem Betrugsprozeß mit eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft wurde. Für ihn waren diese Ausgrabungen seiner Vergangenheit Anlaß zu einer Pressekampagne gegen den Staatsanwalt seines damaligen Prozesses, Herf, der 1946 als Generalkläger der Spruchkammer München wieder auftauchte. In Journalistenkreisen, in denen Soltikow auf seine antifaschistische Tätigkeit pochte, entdeckte man 1949 zwei antisemitische Bücher, die im Goebbels-Jargon geschrieben waren und deren Autor Graf Michael Soltikow hieß. Damit nahm das Verfahren bei der Spruchkammer seinen Anfang.

Soltikow behauptete, er habe diese Bücher auf Befehl der Abwehr schreiben müssen, um sich zu tarnen. Ehemalige Abwehrangehörige erhoben schärfsten Protest gegen derartige Unterstellungen. Soltikow machte den ersten Rückzieher. Er sei „Antisemit aus Instinkt“ gewesen. Dann kamen Anschuldigungen von Bekannten des Soltikow aus der Kriegszeit, wonach er neben seiner Abwehrtätigkeit auch der Gestapo Spitzeldienste geleistet und mehrere Leute ins Gefängnis gebracht habe. Soltikow hält dem entgegen, daß er 1944 selbst von der Gestapo verhaftet und vor ein Kriegsbericht gestellt wurde. „Die Todesstrafe war bereits vorher beschlossen“, sagt er, und dies bezeugt auch sein Schwager, der ehemalige General von Hanstein. „Es war ein Verfahren wegen Wehrdienstentziehung“, behaupten einstige Abwehrleute. Tatsache ist, daß Soltikow freigesprochen wurde.

All das und vieles andere soll nun geklärt werden vor der Spruchkammer zu München. Soltikow ließ zu seiner Entlastung den berüchtigten Doppelagenten Kemritz laden. Dieser habe ihn im Krieg als Abwehroffizier bei der Abwehrstelle Berlin ans Messer liefern wollen, erklärt der Graf Bescheiden; er sei das erste Opfer des Kemritz. Standartenführer Huppenkothen vom Reichssicherheitshauptamt sagte aus, er habe Soltikow bei der Gestapo und beim SD gesehen, über seine Verwendung aber wisse er nichts. Der ehemalige Referatsleiter Schweiz bei der Gegenspionage endlich sagte lakonisch, Soltikow habe niemals die Schweiz gerettet, ebensowenig wie er nie der große Abwehragent oder Vertraute von Canaris gewesen sei. Nur ein engster Kreis um Canaris und Oster, so erklärte dieser Zeuge, habe den Sturz Hitlers betrieben. Die übrigen Abwehrangehörigen, unter ihnen vielleicht auch Soltikow, hätten sich zwar im Sinne ihres Chefs den Terrormethoden der Gestapo widersetzt. Das aber sei niemals eine Qualifikation als Widerstandskämpfer.

Dies also ist das Fazit der ersten Verhandlungstage: Ein nicht enden wollendes Durcheinander von Behauptungen und Gegenbehauptungen, Aussagen stehen gegen Aussagen. Aber eines wurde in dem Prozeß immerhin klar. Angehörige von Widerstand und Abwehr haben bereits Strafantrag gegen Soltikow gestellt. Ihre Zeugen wollen vor dem Staatsanwalt erscheinen, und nicht vor der Spruchkammer.