Jan de Hartog: Stella. Roman. (Rohrer Verlag, Wien–Innsbruck–Wiesbaden, 279 S., 14,– DM.)

Liebe und soldatischen Kampf bringt der holländische Schriftsteller Jan de Hartog (in Deutschland bisher nur durch seine problematischen Dramen bekannt) in einen ganz neuen, erschütternden Zusammenhang: Der Einsatz der nach der Besetzung aus Holland geflohenen Seeoffiziere im Schleppdienst der englischen Marine, die gefahrvolle Einbringung der von deutschen U-Booten manövrierunfähig geschossenen Schiffe in den Hafen, das sind die militärischen Kulissen dieser reifen, packenden und männlichen Erzählung. Ihr Thema indessen ist die Bewährung jener Soldaten im Menschlichen. Ohne sich mit wirksamen Waffen verteidigen zu können, ist die Besatzung des Schleppers allen Kampfmitteln des Gegners ausgesetzt. Ihre einzige Gegenwehr ist Klugheit und geschicktes Manövrieren. Die Momente der Angst und der Wehrlosigkeit gewinnen Macht über jeden einzelnen, und die Reaktion der ausgestandenen Lebensgefahr läßt ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit und ihr Begehren übergroß werden. Durch seltsame Verkettung findet der Icherzähler zu dem englischen Mädchen Stella, das ihm für die Stunden der Ruhe Liebe schenkt, das aber von ihm Gegenliebe fordert. Ihre Liebe indessen ist für ihn ein Narkotikum, er ist bereit, im Gedanken an sie, die schon anderen vor ihm „mit derselben gesichtslosen Maske der Angst“ aus Mitleid die gleiche Seligkeit schenkte, in den Tod zu gehen. Er liebt in Stella alle Menschen, auch seine Gegner, sie aber hat nur den Tod in seinen Augen erkannt und will ihn in Frieden sterben lassen. Diese Erkenntnis rettet ihn in letzter Sekunde vor dem Untergang und läßt ihn die Kraft aufbringen, sich von dem gefährlichen Gift ihrer mitleidvollen Güte freizumachen.

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James Hilton: Leb wohl, Mr. Chips! Roman (Verlag der Arche, Zürich, und Nymphenburger Verlagshandlung, München, 156 S.)

Es ist ein weiter Weg von dem Kloster „Irgendwo in Tibet“ mit seinen Rezepten für ewige Jugend bis zu dem englischen Durchschnittsinternat Brookfield, in dem James Hilton den Durchschnittshumanisten Ghipping, von den Schülern Chips genannt, Jahrzehnte seines -einförmigen Lehrerdaseins verbringen läßt. Dort eine phantastische Welt in erhabener Natur und jenseits der Zeit, hier das genaue Bild des englischen Schullebens in den Jahrzehnten von 1870 bis 1930. Aber das Grundmotiv ist beiden Romanen gemeinsam: die Dauerhaftigkeit des humanistischen Geistes im Wechsel der Generationen. Chips ist weder ein bedeutender Pädagoge noch ein großer Lateiner, aber er ist die inkarnierte Tradition, und die Schüler, auch ihrerseits keine besonderen Leuchten, danken es ihm, indem sie ihn in ihre Scherze einbeziehen und ihm gegen die Reformversuche eines jungen Direktors beistehen. Ein sehr englisches Buch in seinem nüchternen Witz und seiner stillen Güte, und doch ein kleines Stück Weltliteratur.

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Siegfried Schlieter: Der Hellseher. Novelle. (Carl Schünemann-Verlag, Bremen, 82 S., 3,20 DM.)

Ein neuer Erzähler von zupackender Wucht gibt im Gleichnis einer ukrainischen Bauerngeschichte ein Bild vom ständigen Verfall und von der ständigen Wiederaufrichtung der kirchlichen Autorität: Der verkommene Pope eines kleinen Dorfes mit einer prunkvollen alten Kirche wird Zeuge, wie in der Wirtschaft beim Wodka ein durch Trunk und Wettgier verarmter Bauer seine einzige Tochter in einer Wette mit dem brutalen Dorfvorsteher zum Einsatz gibt. Nachdem er erkannt hat, daß der Bauer die Wette durch Selbstmord zu gewinnen gedenkt, um sein Kind wieder in den Besitz seines Hofes zu bringen, kommt er ihm zuvor und sühnt mit seinem Opfertod die Schuld, die er durch Vernachlässigung seiner geistlichen Pflichten über das ganze Dorf gebracht hat. In der gleichen Nacht zündet ein Wahnsinniger die Kirche an, die mit all ihren Schätzen in Flammen aufgeht. Die Tat des Popen bewirkt die Einkehr und Läuterung seiner Gemeinde, die von dem Ärgernis der üppigen Kirche befreit ist.

Die Kunst der Novelle wird heute meist nur realistisch geübt. Hier ist ein Novellist, der, nach Art der großen Russen, die Begebenheiten sogleich in die Sphäre zu erheben weiß, wo sie allegorisch zu deuten sind. Das geschieht vielleicht manchmal noch etwas zu direkt, aber der dichterische Griff ist unverkennbar. I. H.