Von Albert Camus

Albert Camus, der führende Kopf unter den jungen französischen Autoren – er ist jetzt fünfunddreißig Jahre alt –, hat in dem Roman „Die Pest“ und den Dramen „Caligula“, „Belagerungszustand“ und „Die Gerechten“ die Situation der heutigen Welt zwischen den Apparaturen und den utopischen Forderungen mit großer Kraft beschrieben. Es schien bisher, als überwiege das Kritische bei ihm das Positive und als sei sein letztes Wort die tapfere Verzweiflung am Menschen als einem Wesen, das dem „Absurden“ ausgeliefert ist. Camus’ neues Buch „L’hommerévolte“ (soeben bei Gallimard in Paris erschienen) zeigt, woher Hoffnung zu schöpfen ist: aus der äußersten Gefahr selbst. In einem strengen Gedankengang deckt Camus die inneren Widersprüche aller absoluten Morallehren, einschließlich der nihilistischen, auf und öffnet den Blick auf ihre Überwindung. Das Vorwort, aus dem wir die wichtigsten Abschnitte mitteilen, bestimmt den Ausgangspunkt.

Es gibt Verbrechen der Leidenschaft und Verbrechen der Logik. Das Strafgesetzbuch unterscheidet sie durch den Vorbedacht. Wir leben in einer Zeit des Vorbedachts und des vollkommenen Verbrechens. Unsere Verbrecher sind Erwachsene, und ihr Alibi ist unwiderlegbar: die Philosophie, die alles rechtfertigen und die sogar Mörder in Richter verwandeln kann.

Zu jenen Zeiten, da der Tyrann zu seinem höheren Ruhme die Städte dem Erdboden gleichmachen ließ, während durch andere, festlich geschmückte, der an den Wagen des Siegers gefesselte Sklave schritt, da der Feind vor versammeltem Volke den wilden Tieren vorgeworfen wurde – zu solchen Zeiten offenherziger Verbrechen konnte das Urteil klar bleiben. Aber die Sklavenlager, über denen das Banner der Freiheit weht, die Massenabschlachtungen, die durch die Liebe zum Menschen oder durch den Appetit auf den Übermenschen gerechtfertigt werden, verwirren die Urteilskraft. An dem Tag, da das Verbrechen in die Haut der Unschuld schlüpft, ist die Unschuld (durch jene seltsame Umkehrung der Werte, die für unsere Zeit bestimmend ist) gezwungen, sich zu rechtfertigen.

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Bevor man sich vor dreißig Jahren entschloß, zu töten, hatte man die Logik der Verneinung derart auf die Spitze getrieben, daß man sich schließlich selber durch Selbstmord verneinte. Gott geht auf Täuschung aus; alle Welt hält es wie er – also wähle ich den Tod: der Selbstmord war an der Tagesordnung. Heute verneint die Ideologie nicht mehr, als es jene Einzelgänger des Betruges auch tun. Also tötet man. In jedem Morgengrauen gleiten geputzte und geschniegelte Henkersknechte in eine Zelle hinein: der Mord ist an der Tagesordnung.

Wir können unsere Probleme nicht mehr selbst wählen. Sie wählen uns.