Die Anfänge eines organisierten Mönchstaates auf dem Athos sind unlöslich mit der Person des heiligen Athanasios verknüpft. Er war es, der im 10. Jahrhundert das erste große Mönchskloster gründete, es heißt Lavra und befindet sich am Südostufer der Halbinsel. Er war es, der auch das erste Gesetz für das Leben der Mönche erließ. Dieses Gesetz verbietet aufs strengste den Aufenthalt von Frauen und Bartlosen auf dem Athos. Das Frauenverbot geht soweit, daß auf dem heiligen Berg lange Zeit nicht einmal die Haltung von weiblichem Vieh erlaubt ist. Nur im modernen Kloster Vatoped, in dem es sogar elektrische Beleuchtung und Telefon gibt, werden seit kurzem Hühner gehalten wegen ihrer Eierproduktion.

Auf dem Boden des heiligen Berges wurde seit einem Jahrtausend nicht ein einziges menschliches Wesen geboren. Und nur vier Frauen haben den heiligen Berg besucht. Die erste war die Zarin Jelena, eine Bulgarin, die die Gemahlin des serbischen Zaren Duschan war. Sie besuchte den heiligen Berg in Begleitung von einigen tausend schwerbewaffneten Rittern. Im Kloster Vatoped, das eines der größten und schönsten ist, näherte, sie sich dem Ikon der Heiligen Mutter Gottes, um ihn zu küssen. Da begann, so erzählt die Legende, die Mutter Gottes zu sprechen und sagte zu der Zarin: „Hier bin ich Kaiserin, und du geh wieder, denn hier ist kein Platz für dich!“ Die zweite Frau war die Gattin eines russischen Gesandten am byzantinischen Hof. Sie mußte sich gleich nach ihrer Landung wieder entfernen. Die dritte war eine Abenteurerin, die sich als Mann verkleidet und eine Maske mit Bart umgehängt hatte, sie wurde demaskiert und vertrieben. Der letzte Fall schließlich ereignete sich nach dem ersten Weltkrieg mit einer griechischen Schönheit. Sie hatte sich sterblich in einen jungen Mönch verliebt und war in Männerkleidung und im Mantel eines Popen bis zur Zelle ihres Geliebten vorgedrungen. Dort wurde sie ergriffen und weggebracht, ihr Liebhaber aber aufs strengste bestraft: auch er mußte den heiligen Berg für immer verlassen. Der heilige Berg ist eine religiöse Staatsgemeinschaft mit einer Art von republikanisch-parlamentarischer Einrichtung. Auf dem Athos gibt es zwanzig große Klöster. Jedes von ihnen entsendet in die Verwaltung nach Karyaes einen Delegierten. Vier von diesen zwanzig Delegierten, nämlich diejenigen, die aus den wichtigsten Klöstern kommen, bilden das Präsidium der Verwaltung, das heißt, die Regierung. In jedem Jahr ist ein anderer von diesen vieren Präsident, die anderen drei sind Vizepräsidenten. Das wechselt jedes Jahr. Der Präsident trägt als Zeichen seiner Amtsgewalt einen Stab, an dessen silberner Spitze das Bild der Kirche eingraviert ist, die auf dem Gipfel des Athos liegt, und rund um den Stab sind die Namen der 20 Klöster eingeschnitten. Zur Beschlußfähigkeit in einer Sitzung müssen 14 Delegierte anwesend sein. Die Petschaft der Regierung besteht aus vier Teilen, von denen jedes Regierungsmitglied ein Teil bei sich trägt. Ein Regierungsakt ist nur dann wirksam, wenn er mit der ganzen Petschaft gesiegelt ist. Er kann also nur durch Einstimmigkeit zustande kommen. Diese Regierung des heiligen Berges nennt sich „Protat“. Sie ist autonom, und die griechischen Behörden mischen sich in ihre Arbeit nicht hinein.

Durch ein Jahrtausend lebten und starben auf dem heiligen Berg Hunderttausende von Mönchen. Es gab Zeiten, wo in einem einzigen Kloster bis zu 6000 wohnten. Sie kamen aus allen Balkanvölkern. Aber viele von ihnen stammten auch aus Asien und Westeuropa. So stellte der Athos eine Internationale dar, wie sie sonst bis heute nirgend bekanntgeworden ist.

Der Tag der Mönche ist ausgefüllt mit Arbeit, oft sogar ein gut Teil der Nacht. Sie haben sehr wenig Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Trotzdem sind sie sauber und ordentlich gekleidet, besonders diejenigen, die in den Klöstern nach Ordensregeln leben. Jedes Kloster hat sein Gesetz, nach dem sich die Insassen zu halten haben. Die Mönche sind ruhige, bescheidene und versöhnliche Leute, denen die Güte ins Gesicht geschrieben ist und deren Gottesfurcht man schon aus dem Übermaß von Arbeit sehen kann, die sie zur Bewahrung ihres Heiligtums verrichten. Jeder Mönch hat seine ständige Aufgabe zu erfüllen. Die einen sind Meßdiener, die für Sauberkeit und Ordnung in der Kirche, für das Läuten der Glocken und für all das sorgen, was für den Gottesdienst notwendig ist. Andere singen in der Kirche, eine der beliebtesten Beschäftigungen der Mönche. Wieder andere zelebrieren den Gottesdienst. Viele besorgen das Vieh, die Bienenstöcke, die Wein- und Olivenpflanzungen. Eine Anzahl von Mönchen hat die Aufgabe, für die fremden Besucher zu sorgen. Sie nennen sich „Arkondari“, was soviel bedeutet wie Gastwirte. Die Arbeitsteilung erinnert an einen Bienenstock. Drohnen gibt es nicht. Niemand kann sich von der Arbeit ausschließen, mit Ausnahme der Kranken und ausgedienten Alten, deren Bärte bis zum Gürtel reichen. Die Gebete dauern sehr lange, zumindest täglich sieben Stunden, aber es gibt Mönche, die bis zu fünfzehn Stunden beten. Schon gleich nach Mitternacht werden die Mönche geweckt und daran erinnert, daß die Zeit zum Gebet gekommen ist. Zur Fastenzeit sind auch die Gebetszeiten verlängert. Die Mönche bekreuzigen sich auf dem Athos auf eine besondere Weise: Zuerst schlagen sie das Kreuz, dann lassen sie sich in die Knie fallen, beugen den Oberkörper zur Erde, stützen sich auf die Hände und berühren den Boden mit der Stirn, richten den Oberkörper wieder auf, um sich dann wieder bis zum Boden zu beugen. Dies wiederholen einzelne Mönche täglich bis zu tausendmal.

Die Athos-Mönche haben sich niemals zu so festen Organisationen zusammengeschlossen wie die Mönche im Westen. Gleichwohl besteht in den Klöstern eine festgelegte Ordnung und Hierarchie. Manche Klöster haben ihre Eigentümlichkeiten, im Grunde aber sind alle einander ähnlich. Zwei Arten der Lebensführung bestehen in zwanzig Athos-Klöstern: elf davon sind kinovitisch, die anderen idiorhythmisch. Die ersteren hat noch der heilige Athanasios gegründet, die anderen sind im Laufe der folgenden Jahrhunderte entstanden. Die kinovitischen Klöster stehen unter der unbeschränkten Autorität des Abtes, der immer der älteste Mönch ist, und sein Amt despotisch führt. Hier essen alle Mönche gemeinsam in einem Speisesaal, aus einer gemeinsamen Küche, pünktlich zu genau festgelegten Zeiten. An der Spitze der Tafel sitzt der Abt. Sonntags ziehen sie in langer Reihe zusammen aus der Kirche in das Refektorium. Die Nahrung ist bescheiden, wochentags gewöhnlich Bohnensuppe, ein wenig Käse, Oliven und ein Becher Wasser. Dreimal in der Woche wird gefastet, und alle großen Fasten, wie Ostern und Weihnachten, werden genau eingehalten. Das Essen wird mit Öl gekocht, aber zur Fastenzeit sind auch Fett, Milch und Eier verboten. In allen Klöstern wird viel Fisch gegegessen, frisch und getrocknet. Die Fischerei besorgen die Mönche selbst, die Klöster haben Netze und Kähne. Die kinovitischen Klöster fördern eine völlige Gemeinsamkeit in jeder Hinsicht, absolute Armut und unbedingten Gehorsam. Der Abt berät sich mit den ältesten Mönchen, aber nichts darf ohne seine Billigung unternommen werden. Auch in seiner Zelle darf der Mönch nichts für sich haben, nicht einmal Nadel oder Zwirn, noch weniger natürlich Geld. Kleidung und Heizmaterial bekommt er vom Kloster.

Anders ist es bei den Mönchen der idiorhythmischen Klöster. Die sorgen selbst für ihre Speisekarte, ihnen wird Brot, Fisch, Öl, Wein und so weiter vom Kloster geliefert. Diese Mönche dürfen auch Eigentum und Geld besitzen, es gibt unter ihnen reichere und ärmere. Ihre Kleidung müssen sie sich selbst kaufen von dem Geld, das sie als Diener, Handwerker, Sänger, Fischer verdienen.

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