Man sieht es den schlanken weißen Fingern nicht an, wenn sie bei Konferenzen nervös eine Zigarette nach der anderen hervorholen und anzünden, daß diese Hände das wichtigste Regierungsinstrument der Ostzone bedienen: die Preisschere. Damit schneidet Greta Kuckhoff, die Präsidentin der ostzonalen Notenbank, die tragische Standardfigur des dortigen Normalverbrauchers zurecht. Damit schnippelt sie an Leben, Glück und Freiheit herum. Greta Kuckhoff ist eine höchst sorgfältig gekleidete Frau von 49 Jahren. Ihr graumeliertes Haar ist stets tadellos frisiert. Ihr Gesicht hat unleugbar geistige Züge und ihr Benehmen erinnert ein wenig an eine tüchtige amerikanische Geschäftsfrau. Nur die Augen, die Augen haben den ausdruckslosen Funktionärsblick, und ihr Mund ist verkniffen, wie der einer bedrückten Hausfrau, die jeden Pfennig umdrehen muß.

Mit Greta Kuckhoff ist in der Sowjetzone ein Manager-Typ aufgetreten, wie ihn bisher selbst die privilegierte Klasse, das solidarische Korps der Funktionäre, noch nicht kannte. Dieser Frau, die seit kurzem als einziges weibliches Mitglied auch im Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik Stimme und Sitz hat, ist eine unglaubliche Machtfülle zugesprochen worden. In dem seit Jahren immer besser funktionierenden Spiel, den Staat mit Maulkorb und Brotkorb zu beherrschen, hat sie eine Star-Rolle inne.

Sie kontrolliert schlechthin alles. Der fünf-Jahres-Plan ist sowohl finanztechnisch als auch wirtschaftlich von ihrer Regie abhängig. Sie überwacht die Banken, die Haushalt- und Steuerkassen, den Geldumlauf, die Produktion und die gesamten volkseigenen und sonstigen wirtschaftlichen Betriebe. Wenn die Westberliner Wechselstuben auch die Kurse der Ostmark festsetzen und dabei monatlich rund 30 Millionen DM umsetzen, so steht doch im Hintergrund der Schatten dieser Frau. Und wenn der HO-Gewaltige, Paul Baender, die Preise in den Staatsläden senkt, um damit durch ein genau kalkuliertes Ost-Dumping Westmark zu fischen, so führt er nur einen Plan seines weiblichen Vorgesetzt aus. Was immer an Geld in der Ostzone umläuft, Greta Kuckhoff treibt es mit der Peitsche in die Staatskassen zurück.

Niemand darf, mehr Geld in der Tasche haben, als er für das Notwendigste braucht. Jeder Geschäftsmann, jeder Fabrikant darf nur einen geringen Betrag in der Kasse haben. Selbst bei großen Firmen ist dies oft weniger als 300 DM. Nur am Lohntag wird auf Grund genau geprüfter Lohnlisten das bare Geld für die Löhne der Arbeiterschaft bewilligt; größere Gehälter werden nur zum Teil bar bezahlt. Niemand getraut sich, Anträge auf größere Auszahlungen zu stellen, denn er würde sich sofort verdächtig machen. Wer nach und nach ein paar hundert Ostmark zur Seite gebracht hat, um nach Westberlin zum Einkaufen fahren zu können, hält sein Geld sorgfältig versteckt, um nicht bei einer Kontrolle ins Unglück zu stürzen. Greta Kuckhoff will genau wissen, was jeder mit seinem Geld tut. Für dieses finanzielle Schnüffelsystem hat sie ein grauenhaftes Wort geprägt: Finanzdisziplin. Hinter diesem Wort versteckt sich der Würgegriff, mit dem sie regiert. Der Würgegriff, der zusammen mit der Steuerschraube den sowjetzonalen Bewohner von seinem Verdienst nur haargenau soviel läßt, wie er bei dem Mangel an Waren ausgeben kann.

Greta Kuckhoff wurde als Tochter eines Instrumentenmachers in Frankfurt an der Oder geboren. Sie besuchte das Lyzeum und studierte in Wisconsin in USA. Wenn sie trotz dieser bourgeoisien, westlich infizierten Vergangenheit bisher noch nicht von Karlshorst auf kaltem Wege beseitigt wurde, wenn sich statt dessen ihre Macht immer noch ausdehnt, so hat das zwei Gründe: Erstens sind heute noch in der Sowjetzone ihre volkswirtschaftlichen Kenntnisse, die sie zum Teil in USA erworben hat, und ihre organisatorischen Fähigkeiten, mit denen sie aus den Experten des Bankwesens ein schlagkräftiges Team schmiedete, unersetzlich. Zweitens war sie zusammen mit ihrem Mann, dem begabten Schriftsteller Adam Kuckhoff, Mitglied der von Schultze-Boysen aufgezogenen „Roten Kapelle“. Ihr Mann wurde nach dem Auffliegen dieser sowjetischen Spionageorganisation hingerichtet, sie selbst zum Tode verurteilt. Erst später wurde diese Strafe in 10 Jahre Zuchthaus umgewandelt,

Aus dem Zuchthaus befreiten die Sowjets Greta Kuckhoff. Damals begann ihre erstaunliche Karriere. Wann und wie sie enden wird, weiß heute noch niemand. Joachim Puttbus