R. N. Wien, im Januar

Eine künftige Kulturgeschichtsschreibung wird es vielleicht aufdecken, wer in der Wiener Regierung auf die Idee kam, als Ersatz für das österreichische Schwein norwegischen Wal einzuführen. Jedenfalls, da das Schweinefleisch in den letzten Monaten sehr knapp war, erschien eines Tages das Walfleisch auf dem Markt. Die Wiener standen vor den Laden, dachten an Polarmeer und Eisberge und schüttelten sich. Nun muß man wissen, daß der Wiener Fisch nur bei drei Gelegenheiten ißt: Karpfen zu Weihnachten, Hering nach einem Heurigenrausch und Seefisch, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt. Also konzentrierte sich die behördliche Walpropaganda auf die (Behauptung, daß der Wal gar kein Fisch, sondern ein Säugetier sei und mit dem Messer gegessen werde. Die Walbeteiligung blieb dennoch schwach, und der Gewerkschaftsbund verlangte eine Reduktion der Preise für Schweine, die ihm als Säugetiere mittäglicher scheinen. Denn zwar ist der Wiener gastronomisch Eklektiker, und sein Speisezettel reicht von der bayrischen Stelze über das ungarische Gulasch zu serbischem Reisfleisch und türkischem Rahat. Aber seit er russische Erbsen und amerikanisches horse-meat essen mußte, ist er mißtrauisch geworden, und den norwegischen Wal will er nicht. Was er will, ist das burgenländische Schwein.

Daraufhin hat sich kürzlich die Walpropaganda zweier äußerster Mittel bedient. Zunächst wurde die Presse zu einer „Walprobe“ eingeladen, und seither ist die Frage ungeklärt, ob nach dem Pressegesetz Redakteure verpflichtet werden können, nicht nur zu schreiben, sondern auch zu essen – Walfleisch zu essen. Danach wurde von dem Walkomitee die katholische Kirche mobilisiert. Doch wer von ihrer Enunziation, Wal als Säugetier dürfe am Freitag nicht gegessen werden, eine regere „Walbeteiligung“ erwartet hat, wurde enttäuscht. Die Wiener zeigten sich päpstlicher als der Papst: sie essen den Wal am Freitag nicht und, um ganz gewiß nicht zu sündigen, auch an den anderen Tagen nicht. Wal – Enthaltung blieb weiterhin die Küchenparole.