Eines der sichersten Zeichen für eine vorläufige Sanierung des bürgerlichen Musikbetriebs ist das Wiederaufleben der „greulichen Musikführerweis’“. Allenthalben tauchen sie wieder auf, diese „populären“ Baedeker der gängigen Notenliteratur mit ihren halbseriösen Quasi-Analysen (die nichts als nur törichtes „Auch-mit-reden--Können“ bewirken) und ihren süßsauren Biographischen. Da ist es nun doppelt erfreulich, wenn einmal einer zeigt, wie ganz anders vernünftige Laien-Belehrung und sachdienliche Anleitung zum Erwerb musikalischen Unterscheidungsvermögens anzufassen wäre. Das gute Beispiel, wie es zu machen sei, hat der bekannte (ehedem Dresdener) Kritiker Hans Schnoor gegeben mit seinem Buch „Klänge und Gestalten Ein Wegweiser zur lebendigen Musik für Konzertfreunde und Funkhörer“ (Franz Schneekluth Verlag, Darmstadt; 336 S. Leinen 14,80 DM). Das Buch gibt in mancher Hinsicht mehr als der Titel verspricht. Nicht nur, weil es die Formen geistiger und lexikalischer Orientierung in sich vereinigt, sondern weil es den erzählenden und beschreibenden Vortrag ebenso unmerklich wie intensiv mit der Begründung dauergültiger Wertmaßstäbe durchtränkt. Der Anschluß der „Moderne“ an die Tradition sieht dabei freilich etwas anders aus als in der Darstellung naiver Fortschrittsfanatiker, und die Akzente stehen zum Teil auf anderen zeitgenössischen Namen als in der zeitüblichen Publizistik. Wer beispielsweise die Zwölfton-Sekte für die legitime Priesterschaft der Neuen Musik hält, wird ihre Sache hier unter ihrem vermeintlichen Wert notiert finden. Aber er dürfte schwerlich den Vorwurf der Unsachlichkeit erheben, wenn er vielleicht auch sagen mag, es sei nicht Aufgabe eines derartigen Buches, subjektive Meinungen zu verbreiten, sondern objektive Sachverhalte mitzuteilen. Aber das gerade ist falsch. Denn in der Kunst ist nun einmal alles mehr oder weniger subjektiv, und es ist wichtiger, durch solche Bücher jeden Leser zu dem Seinen zu führen, als ihn erst recht ins Unverhältnismäßige zu drängen. A–th