Philip Wylie: Nacht um Nacht. (Taurus Verlag Hamburg, 532 S., Leinen 19,80 DM.)

Als Roman verfaßt ist diese mystische Analyse des modernen Amerika und Deutung seiner Zivilisation, „die unwissentlich als ein Asyl vor dem Tode oder zu seiner Verheimlichung vor dem Menschen geschaffen worden ist“. Die Betäubung des Wissens, daß der Mensch, indem er lebt, auch einmal sterben muß, sei das Motiv zur Materialisierung des amerikanischen Lebens. Also ein religiöses, allerdings antikirchliches Buch über Unsterblichkeit und über das Phänomen des menschlichen Bewußtseins, anknüpfend – wie sollte es auch anders sein – an das Schuld-Angstproblem der Psychoanalyse und an die Freudsche Theorie vom Todestrieb. Der rote Faden Zwei sensible Menschen und die Geschichte ihrer Zuneigung. Im Augenblick, da jeder für sich in seinem individuellen Schicksal am Leben verzagt, begegnen sie sich, erkennen neue Brücken, die, wohin sie auch führen mögen – der Autor läßt dies am Ende nämlich offen –, nur noch in der erkannten Wahrheit begangen werden, daß das Bewußtsein nicht nur dem organisch-materiellen Leben innewohnt. Im Hintergrund der letzte Krieg, deutsche U-Boote und das Florida des amerikanischen Durchschnittsbürgers. – Dieses eindringliche Werk, in dem das Mystische Realität hat, erfordert viel Bereitschaft und Konzentration, wenn man seiner schwierigen Philosophie folgen will. Doch ist alles Seltsame darin keineswegs so befremdlich, daß es uns nicht vorstellbar wird. Die deutsche Ausgabe läßt erkennen, warum die amerikanische Kritik Wylie zu den führenden Autoren rechnet. Dieter Beste