Von Paul Claudel

Oft habe ich mich gefragt, woher meine Sympathie, meine Liebe für die Chinesen rührt. Sind es die azurblauen Götterbilder? Ist es ein graziös in der Hand gehaltener Fächer? Oder die schwarze Schnur eines Zopfes, der sich vom Haupte herunterringelt? Die leise schwingende Rundung einer edlen Porzellanschale?

Gewiß hat sich all das unauslöschlich in mein Gedächtnis geprägt. Doch vor allem will ich von dem bewegten, täglichen Leben Chinas reden, von den Lauten, die aus einer der bunten, lebenserfüllten Gassen Kantons steigen. Die weiße Rasse? Ich habe sie satt! Oder der Inder? Naturhaft fruchtbar, doch allzu anhänglich ist sein Wesen. Seine milden Augen scheinen stets einen Vorwurf, eine Frage auszusprechen. Ihre stummen Klagen dringen ins Herz.

Wie anders dagegen ein Chinese, schon im ersten Augenblick einer Bekanntschaft! Seine Anteilnahme ist wach und impulsiv. Für ihn gibt es kein morgen! Wärme, eine lebhafte und stets gegenwärtige Begeisterung gehen von ihm aus. Betrachtet mit das Gewimmel der Seeleute um einen großen Ozeandampfer, wenn das Schiff in Shanghai oder Hongkong vor Anker geht! Beim Anblick dieses lärmenden Lebens, dieser kindlichen Freude, die sich bis zum Himmel aufrecht, könnte man an einen tausendköpfigen Möwenschwarm denken, der sich gierigen Schreies um einen toten Fisch balgt. Können wir diese Menschen wirklich verstehen?

Wir wollen das Theater betrachten, vielleicht verhilft uns das zu besserem Verständnis. Jeder Schauspieler geht völlig in seiner Rolle auf; mit all seiner Klugheit, all seinem Gefühl, mit dem ganzen Herzen ist er bei der Sache. Selbst wenn er die Rolle eines Statisten hat, muß immer er sich bewußt sein, daß das Stück unbedingt auch diese winzige Rolle braucht. Auf der Bühne gibt es nicht Überflüssiges, nichts, was unbeachtet bleiben darf. Anders als im täglichen,’ manchmal langweiligen Dasein. Theater kennt keine Gewohnheit, kein Gleichmaß und kein Phlegma. Jede Rolle, sei sie bedeutend oder armselig, ist weit wie ein ewig rollender Teppich, der unter unseren Füßen gleitet und uns immer wieder zur Balance zwingt.

Der Chinese ist so ein Schauspieler. Immer steht er auf der Bühne. Immer ist er wach, ergriffen von fast verzehrender Anteilnahme. Mag es sich um einen Bankier, einen Maurer, einen Rikschahkuli, einen Schiffer handeln, – oder um einen Kellner im Gasthof, um eine Mutter oder um eine Dirne: Immer steht der Chinese vor dem Vorhang, und er spielt seine Rolle so gut, als es ihm erforderlich scheint. Er hat den festen Willen, aus jeder Gelegenheit das Beste zu machen. Nie versäumt er sein Stichwort; auf die Sekunde ist er da. Sehen wir ihn zum Beispiel bei einer Beerdigung: Wie langweilig wäre eine solche Feier, wenn sie nicht ungezählte Möglichkeiten böte, die es nur auszunutzen gilt. Da hat man Gelegenheit, sich allen Nuancen des – Kummers hinzugeben – mit vollen Lungen und von ganzem Herzen. Niemand ist zugegen, der nicht eine bescheidene Einlage im Chor der Klagen darbietet. Es folgt die geradezu festliche Zeremonie des Beileids, bei der ein jeder auf seine Kosten kommt. Aber dann weht plötzlich ein frischer Wind in den Dunst der Bekümmerung: Die Frage der Erbschaft wird angeschnitten. Man höre sich die beiden Frauen an, die sich so recht von Herzen streiten. Monate würde man brauchen, wollte man all die Schimpfworte sammeln. – Oder man besucht eine Hinrichtung – welche Möglichkeiten zu kindlichem Unfug bietet sie den Gaffern! Was für eine Gelegenheit für schlechte Witze, während man auf den Hauptdarsteller wartet, der schließlich – ein wenig blaß – die Szene betritt. Es sei, was es wolle: Man ist ganz bei der Sache und hat immer einen Heidenspaß daran.

Betrachten wir den Unterschied zwischen den Eremiten der guten alten Zeit in China und ihren indischen Kollegen. Die Inder scheinen wirklich zu meditieren. Die Chinesen dagegen sind wie ein mächtiger summender Teekessel über dem Feuer. Wenn sie so behaglich in ihrer Ecke kauern, gleichen sie einer schnurrenden Katze. Mit kleinen, flinken Augen blinzeln sie unmerklich ihren Besucher an und machen sich über ihn lustig. Glaubt ihr denn wirklich, diese Bilder, Zeichnungen seien nur chinesische Tusche und Wasser?. Atmet nicht in ihnen Beschaulichkeit, eine lebendige und gegenwärtige Lebensart? Ein Chinese sucht nichts hinter der Natur. Er erlebt sie ohne Hintergedanken.