Anläßlich des fünften Jahrestages des Anschlusses der Saar an Frankreich untersucht die französische Finanz- und Wirtschaftszeitung „L’Information“ die Vorteile, die Frankreich aus dem Saargebiet zieht. Das Blatt geht aus von der Produktionskapazität in Kohle und Stahl und stellt fest, daß das Saargebiet annähernd ein Viertel und ein Fünftel an Kohle und Stahl des französisch-saarländischen Wirtschaftsraumes herstellt. Davon seien Produkte im Werte von 37 Mrd. französischen Franken allein 1950 nach Frankreich gegangen. Darüber hinaus erinnert das Blatt an das sogenannte Switch-Abkommen mit Deutschland, das Frankreich für jede Tonne Saarkohle eine Tonne Ruhrkohle bringt. Der besondere Vorteil bestehe darin, daß auf diesen Austausch von den internationalen Verteilungsorganisationen für Kohle kein Einfluß ausgeübt werden könne. Auf diese Art erhalte Frankreich zusätzlich 3,6 Mill. t Kohle. Die Unterstützung durch die saarländische Produktion gestatte es Frankreich, sein industrielles Potential zu erhöhen und gleichzeitig Devisen zu sparen. Die Außenhandelsbilanz der Saar sei stark aktiv. Für Frankreich ergebe sich daraus ein Überschuß von mehr als 10 Mrd. ffr allein für 1950.

Interessant sind, die Feststellungen, die die französische Zeitung bezüglich, des Saar-Anschlusses und des Schuman-Planes trifft. Sie zeigen, daß die seinerzeitigen Ausführungen des französischen Saar-„Botschafters“ Grandval zum gleichen Thema in Frankreich Schule zu machen beginnen. Das Blatt schreibt: „Der saarländische Beitrag im Rahmen des Schuman-Planes gestattet es, die französische und die deutsche Situation ins Gleichgewicht zu bringen und dadurch das harmonische Funktionieren dieses Vertrages zu erleichtern. So trägt auch auf diese Weise die französisch-saarländische Wirtschaftsunion zur Verteidigung der französischen Interessen bei. Die Erzeugung an Kohle und Stahl, in Frankreich und an der Saar zusammengenommen, repräsentiert 34 v. H. der Gesamtheit der Produktion der sechs Signatarstaaten, während die westdeutsche Produktion allein 35 v. H. beträgt. Wenn man die saarländische Erzeugung der deutschen hinzufügt, beträgt diese 42 v. H. der gesamten Herstellung, wobei dann die französische Produktion auf 27 v. H. reduziert würde.“ Das Blatt schließt diese Ausführungen mit der Feststellung: „Die vorstehenden Ziffern unterstreichen daher das kapitale Interesse, das in dieser Hinsicht dem wirtschaftlichen Anschluß der Saar an Frankreich zukommt.“

Bezüglich der französischen Exporte nach der Saar meint „L’Information“, daß die französischen Lieferungen im Jahre 1950 ins Saargebiet allein 90 Mrd. ffr ausmachten. Insbesondere habe daran die französische Landwirtschaft profitiert, die sonst ihre Überschüsse nur schwer unterbringen könne. „Außer diesen Lieferungen“, so heißt es dann, „hat der wirtschaftliche Anschluß der Saar verschiedenen französischen Industrien und Geschäftsbranchen Möglichkeiten gegeben, an der Saar einen entscheidenden und manchmal sogar exklusiven Platz einzunehmen.“ Beim Hüttenwesen verfüge Frankreich auf Grund der Reparationsleistungen über eine Mehrheitsbeteiligung in den Hüttenbetrieben, wovon gewisse, wie z. B. die Völklinger Hütte und die Neunkircher Hütte zu den bedeutendsten und prosperierendsten der Saar und Europas gehören. Im Bankwesen seien die französischen Banken an die Stelle der deutschen gerückt und hätten sich damit-einen bedeutenden Teil des saarländischen Bankengeschäfts gesichert. Am 31. Dezember 1950 hätten die Einlagen bei den französischen Banken an der Saar 45,6 v. H. der Gesamtheit der Einlagen in den saarländischen Kreditinstituten ausgemacht. Im Versicherungswesen sei die französische Position sogar noch günstiger. Von den insgesamt 60 Gesellschaften, die es an der Saar gebe, seien 44 in französischen Händen. Die Gesamtheit der von den französischen Gesellschaften gesammelten Prämien betrügen im Verhältnis zu den anderen Gesellschaften 72,2 v. H.

Nach dieser für Frankreich so vorteilhaften Bilanz der wirtschaftlichen Durchdringung spricht „L’Information“ über die französisch-saarländischen Konventionen. Insbesondere in der Wirtschaftskonvention sieht das bedeutende französische Finanzblatt ein Instrument, „daß die saarländische Wirtschaft der französischen keinen Schaden zufügen kann“. Die Konventionen seien so gehalten, daß der saarländische Staatsetat, die saarländische und französische Verwaltung, die Steuern und der saarländische Kredit in keiner Weise Frankreich belasten. „Die allgemeine Konvention, die Wirtschaftskonvention, die Grubenkonvention und die Eisenbahnkonvention konsolidieren die französische Stellung, indem sie Frankreich Garantien und Vorteile auf verschiedenen Gebieten bringen.“

„L’Information“ spricht von der Saar als einem Unternehmen, das von Ex-Kommissar Grandval geleitet werde und aus dem Frankreich beträchtliche Vorteile ziehe. Der Erfolg, dieses Unternehmens sei eng verbunden mit der Festigkeit der französischen Saarpolitik. Das Wesen dieser Politik bestehe „in der Autonomie der Saar, d. h. der politischen Trennung dieses Gebietes von Deutschland“. Wenn die Saar politisch nach Deutschland zurückkehre, könne der wirtschaftliche Anschluß nicht länger fortbestehen. „Es geht“, so schließt „L’Information“, „an der Saar nicht nur um Prestigefragen, sondern auch um das Interesse Frankreichs.“ *

Einmal im Jahr wird, wie „L’Information“ es tut, für den innerfranzösischen Gebrauch das Kassenbuch dieses „Unternehmens Sarre“ aufgeschlagen. Es verstummen dann für kurze Zeit die Reden und Erklärungen von der Saar als „europäischem Beispiel“. Die Zahlenkolonnen addiert, ergeben nicht Europa, sie ergeben den Profit, das Geschäft, ein nationales, vielleicht ein nationalistisches Geschäft. Die Bilanz (nicht immer ein reeller Gewinn) ist stark aktiv. Um dieses nationalen Wirtschaftserfolges willen muß von den französischen Politikern verhindert werden, daß fast eine Million deutscher Menschen an der Saar in freier Abstimmung über ihre politische Zukunft entscheiden. Das trotz oder gerade wegen des Schuman-Planes!

Für die Saarländer selbst ist die französische Bilanz nicht weniger aufschlußreich. Sie erfahren, daß sie an Kohle und Stahl ein Viertel und ein Fünftel der entsprechenden französischen Produktion repräsentieren. Sie erfahren, daß die zu ihrer „unbedingten Gleichberechtigung“ abgeschlossenen Konventionen den Interessen Frankreichs dienen. Und wie steht es mit den saarländischen Interessen? Sie erfahren, wie wertvoll ihre Erzeugnisse für den französischen Außenhandel z. B. mit Argentinien sind, und können nicht an die notwendigsten Ausrüstungs- und Ersatzteile ihres auf Deutschland ausgerichteten Maschinenparks kommen.

Das „Unternehmen Sarre“ ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Seine Bücher weisen nur eine Haben-Seite auf. Die Belastung liegt auf anderen Gebieten, wirtschaftlich auf der Saar, politisch auf Deutschland und dem Schuman-Plan und moralisch auf der Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit der gegenwärtigen und künftigen französischen Europapolitik. Georg Schneider