„Die neuen deutschen Nazis“ heißt der Titel einer in Amerika erschienenen Broschüre. In ihr sind so suspekte Namen wie Remer und Doris behandelt. Und mancher im Ausland sieht ganz Deutschland schon wieder braun. Unsere Aufgabe ist es deshalb, die Gegenbeispiele herauszustellen: auch Göttinger Studenten haben sich anläßlich der Aufführung des neuen Harlan-Films „Anna Hamon“ für ihre anständige Gesinnung blutig schlagen lassen.

Wer sich in diesen Tagen in Göttingen umhört, könnte leicht den Eindruck gewinnen, daß die biedere Bevölkerung der altrenommierten Universitätsstadt sich für alle Zeiten mit der Studentenschaft überworfen hat. „Diese Hungerleider!“ heißt es allerorten. „In mein Haus kommt mir kein Student mehr!“ – „Unglaublich, daß 40 Mann eine ganze Stadt terrorisieren können.“ Das ist seit zwei Wochen das Tagesgespräch aller Kellner und Friseure, aber auch eine wohlsituierte Bürgerin gibt auf die Behauptung die Studenten seien in der Universität zur Demonstration aufgefordert worden, eine Antwort von klassischer Tragik: „Aber nicht von den Professoren. Das sind doch gebildete Leute!“

In der Stadtkämmerei ist in aller öffentlichkeit folgender Dialog zwischen einem Beamten und einem Besucher zu hören: „Wenn ich dabei gewesen wäre, dann hätte ich sie auch zusammengeschlagen. Ist es denn nun nur die Konkurrenz gewesen?“ Der Besucher zuckt die Achseln: „Vielleicht die Amerikaner.“ (In der Mensa wurde das fingierte Telegramm angeheftet: „Danken für Propaganda – Honorar folgt – Metro Goldwyn Mayer“.) Darauf wieder der Beamte: „Oder waren es nur diese Judensäue?“

In einer Gaststätte wird erzählt, daß in Freiburg demonstrierende Studenten zwölf Mark bekommen hätten und so wahrscheinlich auch in Göttingen. Auf den Einwand, daß die Demonstranten sich dafür, nicht hergeben würden, gibt der herbeigerufene Kellner Br. folgende Darstellung (wiederum in aller Öffentlichkeit): „Einen haben wir uns gegriffen und furchtbar durchgehauen. Da hat er zugegeben, daß er um 13 Uhr bestellt worden ist. Dafür hat er wieder feste welche bekommen. Darauf hat er zugegeben, daß er drei Mark erhalten hat. Dann haben wir ihn wieder verhauen und schließlich hat er gestanden, daß er zehn Mark bekommen hat.“ Der Fragende bezeichnet das Verfahren als Gestapo-Methode, worauf eisiges Schweigen im ganzen Raum die Folge ist und ein Wohlmeinender dem Empörten rät, sich künftig zurückzuhalten, wenn er hier ungehindert ein- und ausgehen wolle.

Als in der Stadt bekannt geworden war, daß Ende Januar im „Central-Theater“ der neue Harlan-Film „Hanna Amon“ gezeigt werden sollte, wurde im Studentenrat ein Dringlichkeitsantrag eingebracht, um durch Verhandlungen mit dem Theaterbesitzer und der Stadtverwaltung die Aufführung zu verhindern. Für den Fall, daß diese Verhandlungen erfolglos, blieben, sollte die Studentenschaft zu einer Demonstration aufgerufen werden. Begründet wurde der Antrag damit, daß die Aktion „Friede mit Israel“, deren Unterstützung der Studentenrat schon früher einstimmig beschlossen hatte, durch das erneute Auftreten des „Jud-Süß“-Regisseurs gefährdet würde.

Der erste Teil des Antrages wurde mit großer Mehrheit angenommen, der zweite dagegen abgelehnt. Als die Verhandlungen gescheitert waren, beschloß der „Ring freier Studentenvereinigungen“ nun seinerseits zu demonstrieren.

Der Rektor der Universität wurde von dem Plan unterrichtet und in einem Telegramm an den Niedersächsischen Innenminister um Schutz der Demonstranten gebeten. Angesichts der Vorgänge in Freiburg, wo die Studenten aus gleichem Anlaß von den Gummiknüppeln der Polizei blutig geschlagen wurden (wobei sie zum Teil noch auf der Wache gezwungen wurden, ihr eigenes Blut wegzuwischen), wurde in Göttingen peinlich darauf geachtet, jede Provokation zu vermeiden.