Im Artikel 117 der bayerischen Verfassung heißt es, daß alle Staatsbürger „ihre körperlichen und geistigen Kräfte so zu betätigen haben, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert“. Somit ist die Betätigung der körperlichen Kräfte zu einer Grundpflicht jedes Bürgers des Landes Bayern geworden. Körperliche Betätigung wird zumeist Arbeit sein als Maurer, Dreher, Maler. Fleischer, Schlosser, Landwirt und dergleichen mehr. Körperliche Betätigung ist aber auch Spiel, Sport und Turnen. Auch diese Betätigung kann sehr wohl zum Wohle der Allgemeinheit ausgeübt werden. Im übrigen wird das Wort Pflicht im Sport in fast allen Ländern der Welt groß geschrieben. Wenn man aber von einer Pflicht in dieser Hinsicht spricht, dann muß man als Staat oder als Bund auch etwas für den Sport tun. Und demgemäß ist niemals der Schrei nach finanzieller Unterstützung verstummt.

Heute, da alle und alles verarmt sind, ertönt er um so lauter und dringlicher. Die Bundesregierung hat durchaus Verständnis dafür, und der Bundes-Innenminister zumal, in dessen Ressort die Betreuung von Turnen und Sport sowie die Förderung eines großen Bundesjugendplanes fallen, will gern nach besten Kräften helfen. Aber der Bundes-Innenminister ist ein vorsichtiger Mann. Er hat sich nicht nur die Klagen der Turner und Sportler angehört, sondern hat sie auch seinerseits auf ihre Berechtigung hin geprüft und eine Untersuchung darüber angestellt, in welchem Ausmaße heute die Leibesübungen aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Das Ergebnis ist nicht uninteressant.

Über die 300 000 DM, die er direkt zur Verfügung stellt, lohnt es sich ebensowenig zu sprechen wie über die 310 000 DM, die im Bundesjugendplan der Jugendarbeit auf dem Gebiete der Turn- und Sportvereine zugute kommen. Beide Summen sind nur der bekannte Tropfen auf den heißen Stein. Anders aber sieht sich die Sache schon an bei den Beträgen, die die deutschen Länder aus Haushaltsmitteln und Toto-Einnahmen ausgeworfen haben. Die deutschen Bundesländer gaben aus ihrem Haushalt in den Jahren 1950 und 1951 insgesamt 505 000 Mark an die Sportverbände, während aus dem Toto die phantastisch klingende Summe von ungefähr 22 1/2 Millionen Mark abgeführt wurde. Schließlich liegt noch eine statistische Erhebung der Gemeinden für das Rechnungsjahr 1949 vor, wonach in 155 Städten der verschiedensten Größenklassen über 30 000 Einwohner (ohne Berlin) 14 Millionen DM ausgeschüttet wurden, was fast 1 DM pro Kopf der Einwohner für Bau, Ausbau und Wiederaufbau von Sportstätten (ohne Badeanstalten), ferner für die Förderung des Sports an Beihilfen und Zuschüssen bedeutet. Dabei ist die Erfassung der Städte und Gemeinden bis in die kleinsten hinein, die ja den Hauptteil der unmittelbaren Sportförderung tragen, nur teilweise erfolgt. Man muß also noch einen erheblichen Zuschlag in Rechnung stellen.

Diese Zahlen zeigen, daß die Öffentlichkeit in einem Maße den Sport unterstützt, wie es früher nicht der Fall war und die bei der Notlage des Bundes, der Länder und der Kommunen erstaunlich ist. Trotzdem will der Bund noch weiter helfen. Dr. Lehr möchte zuvor aber einige recht indiskrete Fragen beantwortet haben und hat dazu auch noch einige sehr bemerkenswerte Bedingungen. Zunächst möchte er vom Sport wissen, wie die dem deutschen Sport bisher zugeflossenen Mittel verwandt worden sind. Insbesondere interessieren ihn die rund 23 Millionen aus Staats- und Totomitteln. Er möchte darüber aufgeklärt werden, ob aus ihnen die Errichtung großer und luxuriös eingerichteter „Sportschulen“ vorgenommen wurde, die ihm nicht so wichtig erscheinen wie der Wiederaufbau zerstörter. Turnhallen, Schwimmbäder und so weiter. Zweitens fragt er, ob diese Prachtbauten auch so zweckmäßig geschaffen und gelegen sind, daß sie sich durch volle tägliche Ausnutzung rechtfertigen. Es-sollen nämlich etwa 10 Millionen DM, also fast die Hälfte der Summe, zum Bau von Verwaltungshäusern und Sportschulen verwendet worden sein. Schließlich verlangt er Auskunft darüber, ob bei der Verteilung der Mittel gerade diejenigen Sportarten und Vereine vordringlich berücksichtigt worden sind, die sich nicht auf Zuschauer-Einnahmen stützen dürfen, sondern auf den Beitragsgroschen des armen Mannes und der Jugend angewiesen sind und – entgegen den großen Vertragsfußballvereinen – keine andere wesentliche Geldquelle ausschöpfen können.

Seine Bedingungen für eine weitere tatkräftige Hilfe von seiten des Bundes, der Länder und der Kommunen sind, daß der deutsche Sport mit der ihm zumutbaren Energie gegen die materialistischen Auswüchse, das Berufs- und Halbberufsspielerunwesen vorgeht und daß der deutsche Sport zum Amateurgedanken zurückkehrt. Er sagt in einem Schreiben an die maßgebliche Stelle: „Sosehr ich bereit bin, alles zu tun, um ein Zusammenwirken aller Behörden zu einer entscheidenden Sportförderung herbeizuführen, so fordere ich doch als Vorleistung eine Darlegung des bisher mit öffentlichen Mitteln von der Sportbewegung Geleisteten und auch der verbindlichen Richtlinien, wie der Deutsche Sportbund in Zukunft die Wiederherstellung strengster Amateurauffassung zu gewährleisten beabsichtigt.“

Man darf auf die Antwort des Deutschen Sportbundes sehr gespannt sein. Nicht nur viele Tausende Aktiver und solche, die es jahrelang waren, sondern auch viele andere werden sich sehr für das Ergebnis der vom Deutschen Sportbund erwarteten Erhebung interessieren. Da nach einer neuerlichen Erhebung jeder neunzehnte Deutsche einem Turn- oder Sportverein angehört, liegt die Beantwortung aller Fragen des erfreulicherweise sehr neugierigen Bundesinnenministers auch im Interesse der gesamten Öffentlichkeit. Wird man es aber wagen, in einer so delikaten Angelegenheit gegen den König Fußball anzusprechen?

Walther Kleffel