Von Artur Rosenberg

Paris, Anfang Februar

Die arabischen Völker sind in Aufruhr. Da ist es interessant, die Hintergründe dieser Bewegung zu sehen. – Bis zum ersten Weltkrieg lebte kein einziger der 30 Millionen Araber im eigenen Staat. Doch der Unabhängigkeitsgedanke war zunächst unter den Arabern der türkischen Gebiete bereits seit Beginn des Jahrhunderts lebendig. Engländer und Franzosen schürten ihn sogar, weil die arabische Freiheitsidee ihnen bei der Zertrümmerung des alttürkischen Reiches half. Sie konnten allerdings nicht denken, daß die nationale Flut, die sie geschürt hatten, sich so rasch gegen sie selber wenden würde. Der erste Weltkrieg war kaum zu Ende, als auch in Tunis eine nationale Bewegung entstand: der Destour. Destour – das Wort bedeutet Verfassung; und die Auslegung der Verfassung ist heute der Inhalt der Auseinandersetzung zwischen Franzosen und Tunesiern. Auch der tunesische Appell an die Vereinten Nationen sei, wie der Generalsekretär des Neo-Destour und Justizminister Salah Ben Youssef mir erklärte, nichts anderes als der Anruf an einen Schiedsrichter für die Auslegung der Verfassung. Es solle dadurch verhütet werden, daß der Streit zwischen Franzosen und Tunesiern ins Endlose verschleppt würde. Die Kundgebungen im Protektorat mit ihren blutigen Zwischenfällen seien nichts anderes als die Begleitmusik, die man für notwendig hielt, die Aufmerksamkeit der Welt auf die tunesische Frage zu lenken. Opfer an Märtyrerblut, ohne das keine nationale Erhebung für möglich gehalten wird...

Der Destour holte seinen Funken aus dem Religiösen. Doch die Bewegung blieb unbeachtet, bis Habib Burgiba sie mit nationalen Inhalten erfüllte, sich von ihr löste und den Neo-Destour gründete (1934). Kurz zuvor hatte ein Beduine aus Gizeh, der seine Ausbildung in England und in der Schweiz erhalten hatte, in einer kleinen Zeitung Palästinas einen Artikel „Die Araber, das Volk der Zukunft“ geschrieben, in dem er zur Gemeinschaft der arabischen Stämme vom Persischen Golf bis zum Atlantischen Ozean aufrief. Nachdem Assam Pascha, bisheriger ägyptischer Minister, mir in dem luxuriösen Hotel der Avenue Georges V., seinem jetzigen Hauptquartier, eine Abschrift seines damaligen Artikels überreicht hatte, sagte mir einer seiner Mitarbeiter: „Die Worte Assams wurden damals mit einer solchen Begeisterung aufgenommen, daß die Kinder in den Schulen Palästinas sie auswendig lernten.“ Hier liegt der Ursprung der Bewegung, die 1946 zur Gründung der Arabischen Liga durch Assam Pascha führte.

Zu einer wirklichen Volksbewegung wurde der Neo-Destour jedoch erst, als Habib Burgiba nach einer zehnjährigen Periode von Haft undExil in die Heimat zurückkehren konnte und seine Bewegung zu einer Organisation auf gewerkschaftlicher Grundlage aufbaute. Der Neo-Destour ist jetzt die beherrschende nationale Bewegung des Landes. Heute ist jeder Tunesier Nationalist. So viele Tunesier ich fragte: „Fürchten Sie nicht, daß das Land weit zurückgeworfen würde, wenn die Franzosen fort wären? Fürchten Sie nicht, daß der Wechsel ein paar Einflußreichen, nicht der Masse zugute kommt?“ – Immer war die ungeduldige Antwort: „Noch jedes Volk hatte eine solche Übergangsperiode durchzumachen; wir wollen das aber unter uns auskochen.“ – „Ist es denn nicht Frankreich zu danken, wenn Tunis heute das ist, was es ist?“ – „Sicher, wir können aber deshalb nicht für ewige Zeiten in politischer Abhängigkeit bleiben“, so lautete stets die Antwort.

Das Protektoratsstatut wurde von den Franzosen lange Zeit so ausgedeutet, daß die ganze Macht praktisch in den Händen Frankreichs lag. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde den Tunesiern (1946) zwar eine Beteiligung an der Regierung eingeräumt. Aber: Wenn die tunesischen Regierungsvertreter dabei auch zahlenmäßig gleichgestellt wurden, so blieb ihnen doch stets durch gewisse Maßnahmen der Gesetze die Auswirkung dieser Gleichstellung versperrt. Die nationale Bewegung nahm indes eine Kraft an, der gegenüber die Franzosen nicht indifferent bleiben konnten. In den Verhandlungen, die im Sommer 1950 geführt wurden, erklärte Schuman, daß den Tunesiern eine interne Autonomie zuerkannt werden solle. Es war die Grundlage, auf der der Neo-Destour sich dann zur Teilnahme an der Regierung bereit fand. Interne Autonomie –: es war ein sehr vager Begriff – dehnbar und knetbar, um je nach Bedarf für äußere und innere Zwecke gemodelt und gedreht zu werden. Die Tunesier wollen es heute als Versprechen der Unabhängigkeit deuten. Was sie dann noch den Franzosen zu lassen bereit sind, erklärte der tunesische Ministerpräsident Hamed Schenik Anfang Dezember auf einer Konferenz in Paris: den Kultureinfluß, die Freundschaft des tunesischen Volkes, erhöhten moralischen Gewinn, die bevorzugte Stellung seiner geographischen Lage...

Schuman antwortete wenige Tage darauf, am 15. Dezember: „Die Leistungen der Franzosen in Tunis lassen es nicht zu, ihre Mitwirkung an der Verwaltung auszuschließen. Die künftigen Beziehungen müssen aufgebaut werden entsprechend dem endgültigen Charakter des Bandes, das sie miteinander verknüpft.“ Dieses Band ist der Vertrag von Bardo von 1881. Er habe die Altersgrenze überschritten; sagen die Amerikaner mit grimmigem Humor. – Das Wort Schumans sei glatte Zurückweisung der tunesischen Vorschläge, Bruck der Versprechen vom Sommer 1950, Sprünge und Widersprüche der französischen Politik, erwidern die Tunesier.

Tunis ist eine Siedlungskolonie. 150 000 Franzosen haben sich im Vertrauen auf den Schutz des Mutterlandes hier niedergelassen und am Aufbau des Landes mitgewirkt. Wenn Frankreich genötigt wäre, ihr Schicksal einem unabhängigen Tunesien zu überlassen, das für sie gar nicht wohlwollend sein kann, wäre damit jede Unternehmungsbereitschaft von Franzosen in Übersee ein für allemal zu Ende. Eine Lösung oder auch nur eine allzu weitgehende Lockerung der Herrschaft in Tunesien muß aber zwangsläufig eine Aufmunterung aller anderen Überseevölker bilden, die immer mehr Anlaß haben, an die Unaufhaltsamkeit einer Entwicklung zu glauben, von der Ministerpräsident Schenik in seiner Pariser Pressekonferenz sagen konnte: „In weniger als fünf Jahren haben 500 Millionen Menschen ihre Unabhängigkeit gefunden, in Indien, Pakistan, Indonesien, Syrien; Libanon und Libyen.“ Die Besorgnis vor dem Umsichgreifen dieser Lawine ist so groß, daß Frankreich – ganz ohne Aussicht, je noch einen Nutzen aus Indochina zu ziehen – seine Verteidigung in Europa aufs Spiel setzt. Worauf man in Paris zunächst hinzielt, ist Hinauszögern, Zeit gewinnen, um Kanäle zu graben, durch die die Sturzfluten der nationalen Bewegungen in das Bett freundschaftlicher Gemeinschaften geleitet werden können.