Von Julia Pons

Während der Überfahrt blieb sie in der Kabine, nur das Essen nahm sie mit den Passagieren ein, und ein einziges Mal ging, sie an Deck. Das war, als Sturm aufkam. Ein junger Steward trat zu ihr, sie lehnte so merkwürdig an der Reling, ihm fuhr der Schreck in die Glieder, er wußte nicht warum, aber dann zeigte sie ihr Gesicht, ihr freundliches Hausfrauengesicht, mit rosigen Backen, blaßblauen Augen, und er ließ sie. – Sie blickte aufs Meer. Es tobte unterm Zorn des Herrn. Sie war bereit.

Drei Tage später kam Amerika in Sicht.

Sie las bis zur letzten Minute in den Korintherbriefen. Die Freiheitsstatue war schon vorbei, das Schiff glitt Brooklyn entgegen, in seinem Leib rumpelte es, überall spielte Musik, weinten und jauchzten. Menschen, brüllte die (Luft vom East River bis zu den Hoboken-Docks; da erst schloß sie die Schrift und packte ihren Pappkoffer.

Am Fallreep war sie die erste. Sie stieg mit resoluten Schritten auf den fremden Kontinent hinunter, die Papiere fest in der Rechten, ihr graues Kopftuch flatterte im Wind, und sie würdigte die Riesen von Manhattan keines Blicks. Sie kam ganz von oben herein, sie hatte so viel Schwung in den Beinen, und sie schritt durch die Menge jubelnder – aber verlorener – Seelen dort unten auf dem Pier, durch Zoll und Formalitäten einem leuchtenden Gesicht entgegen, das sie vom Foto kannte und das Bruder Bernhard gehörte. Sie schloß ihn in die Arme, wie es vor und neben ihr andere Frauen mit ihren Männern und Geliebten taten.

„Wie steht es in Europa, Schwester“, sagte er.

Sie gingen davon, mit gesenkten Stirnen, das Schreien der Menge, die Fähnchen schwenkte, klang noch lästig lange herüber, und sie begannen ein intensives Gespräch. „Ich soll von allen grüßen“, sagte sie, „viele sind verhaftet worden, es geht schon wieder los, das wissen Sie wohl, Bruder, aber es haben auch viele zu uns gefunden. Die Behörden sind launisch, und wir hoffen, daß ihr es hier leichter habt.“