Im Augenblick sind die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland getrübt. Es wäre töricht, wenn man diesen Tatbestand verschleiern wollte. Aber ist diese aus gegenseitigem Mißtrauen geborene Entzweiung wirklich heilbar, oder ist es zu Ende mit dem Versuch, eine deutsch-französische Verständigung und ein einheitliches Europa herzustellen?

Die Saar-Bombe – wie man in der Schweiz das französische Vorgehen allgemein nennt – hat erheblichen Schaden angerichtet. In Paris hat die scharfe deutsche Reaktion auf die Ernennung Grandvals zum Botschafter in Saarbrücken starkes Befremden ausgelöst. Man behauptet dort, die Absicht dieser Ernennung sei der deutschen Regierung seit dreiviertel Jahr bekannt gewesen, und sie habe sich nicht dagegen verwahrt, ihr also implicite zugestimmt. Der Bundeskanzler bestreitet die Richtigkeit dieser französischen Version und verweist auf seinen Briefwechsel mit Außenminister Robert Schuman vom 18. April 1951, zu dem die jetzigen Vorgänge an der Saar in Widerspruch ständen. Auch dürfe man nicht übersehen, daß M. Berard, der Stellvertreter des französischen Hohen Kommissars, François Poncet, bekanntgemacht habe, daß man in Zukunft einigen französischen diplomatischen Vertretungen auch Repräsentanten des Saargebiets beigeben werde. Dies, wie auch der Kommentar der französisch beeinflußten „Saarbrütker Zeitung“, mit der Gründung eines unabhängigen Saarstaats sei nunmehr begonnen worden, zeige deutlich, daß Paris nicht daran denke, wie doch vereinbart sei, den völkerrechtlichen Status der Saar bis zum Inkrafttreten eines Friedensvertrages unverändert zu lassen.

In Frankreich ist die Sprache der Presse bitter, und nicht anders verhält es sich mit den Äußerungen des Quai d’Orsay. Man nennt die deutsche Politik erpresserisch. Sunday Times berichtet, ein französischer Beamter habe geklagt, die Amerikaner würden gewiß sagen: „Jetzt ist es die Saar, und bevor wir das nicht in Ordnung bekommen, werden wir keine deutschen Soldaten haben.“ So seien die Franzosen in die Lage gebracht, die Deutschen bitten zu müssen, ihnen Truppen zu geben. „Mit dem Angesicht im Staube liegen wir vor den Deutschen!“

In Deutschland jedoch wird die Situation keineswegs in dieser Weise empfunden. Der Bundeskanzler umriß in der Sitzung des Bundesrates, in der der Schuman-Plan einstimmig zur Ratifizierung empfohlen wurde, den Eindruck, den die Saarereignisse in Deutschland gemacht haben, mit den Worten: „In weiten deutschen Kreisen ist der Glaube erschüttert worden, ob in Frankreich eine wirkliche Partnerschaft der Bundesrepublik, wie sie als Grundlage einer Verteidigungsgemeinschaft nötig ist, ernsthaft gewollt wird.“ Es ist keine Frage, daß der Kanzler hier die Stimmung, die in Deutschland herrscht, korrekt wiedergegeben hat. Viele Deutsche sehen in dem französischen Verhalten an der Saar eine Parallele zum Einmarsch Poincarés in das Ruhrgebiet. Doch während damals in Deutschland allgemeine Empörung herrschte, könnte man die heutige Reaktion eher Niedergeschlagenheit nennen, Trauer darüber, daß der Plan eines einheitlichen Europas, in dem alle Mächte gleichberechtigt sind, ein Plan, für den sich insbesondere die Jugend begeistert, auf einmal zu scheitern droht.

Doch darf man in diesem Zustand der ratlosen Trauer nicht verharren. Man muß sich vielmehr die Frage stellen: Was nun? Kann die französische Regierung die Maßnahmen im Saargebiet rückgängig machen, ohne fürchten zu müssen, im Parlament gestürzt zu werden? Kann der deutsche Bundeskanzler im deutschen Bundestag unter den vorhandenen Umständen eine Mehrheit für einen deutschen Wehrbeitrag erhalten? Weder das eine noch das andere wird ohne Schwierigkeiten möglich sein. Dagegen spricht jedenfalls die erhebliche Versteifung in der Haltung des französischen Außenministers, der in einem Brief an Acheson die Teilnahme Deutschlands an der NATO scharf abgelehnt hat, und dagegen, spricht auch die scharfe Rede, die der Bundeskanzler im Bundesrat über das Verhalten der Franzosen gehalten hat.

Wenn sich aber bei politischen Konflikten kein Ausweg zeigen will, dann ist es nötig, wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukehren. Wie war es denn? Seit Kriegsende ist die russische Gefahr ständig gewachsen, sie hat angefangen, alle Kraft des Westens zu absorbieren. Gleichzeitig ist ein großer Teil der Welt in einer permanenten Revolution begriffen, durch die die bestehenden politischen und sozialen Verhältnisse geändert werden sollen. Dies kann sehr gefährlich werden, es kann zu Umstürzen führen, die das werden, gewicht zwischen dem Ost- und Westblock zugunsten des Kremls verändern. Es ist die Aufgabe des Westens, diese Entwicklung zwar nicht zu hemmen oder zu unterdrücken, aber in der Weise unter Kontrolle zu halten, daß sie nicht in kommunistisches Fahrwasser abgleitet. Dieses Ziel verfolgt die amerikanische Politik. Und um dieses Zieles willen drängt sie auf einen Zusammenschluß der europäischen Nationen, damit ein Block entstehe, der geeignet und willens ist, die Weltmacht der Vereinigten Staaten bei ihren großen Aufgaben zu unterstützen.

Man beklagt sich in Frankreich darüber, daß Washington der Bundesrepublik gegenüber zu nachgiebig sei. Von rechts bis links regten sich alle französischen Zeitungen auf über die Ernennung des Generals Draper zum amerikanischen Sonderdelegierten in Europa. Sie warfen ihm vor, zu große Sympathien für Deutschland zu haben. Man vergißt eben in Paris über den eigenen innerpolitischen, monetären, und kolonialen Sorgen allzuleicht die Grundlagen der amerikanischen Politik. So ist es denn kein Wunder, daß man in den Vereinigten Staaten manches als Bagatelle ansieht, was man in Paris für staatserschütternd hält, weshalb man auch den deutsch-französischen Saar-Streit ganz anders beurteilt als in Frankreich und England.