Von Rudolf Ibel

Am 6. Februar wäre Alfred Mombert, der 1942 im Schweizer Exil gestorbene Lyriker, 80 Jahre alt geworden.

Im Jahr 1940 hatte ihn die Gestapo wegen seiner jüdischen Abstammung aus Heidelberg in ein Lager nach Südfrankreich verschleppt, Von dort retteten ihn Schweizer Freunde nach Winterthur, wo er 1942 einem Krebsleiden erlag. Wer je von den kosmischen Visionen und welttrunkenen Rhythmen Momberts erfaßt worden war, sieht sich im Glauben an die Würde dieses großen Einsamen bestätigt, wenn er erfährt, daß der Dichter die Erhabenheit seines Werkes auch als Leidender bis zum grausamen Ende lebte. Unverbittert starb er fern von seinem geliebten Heidelberg. Carossa berichtet, was er einer über die Untat seiner Schergen erbosten Krankenschwester entgegnete: „Sie durften nicht anders, es war ihr Dienst.“ Und welche weitblickende Überlegenheit bekundete jene Antwort an den Abgesandten des Ministers Rust, der dem Dichter vorsichtig melden mußte, daß sein Verbleiben in der Akademie für Dichtkunst vorerst nicht mehr möglich sei: In der Kaiserlichen Schatzkammer in Wien, so meinte Mombert, habe er die Deutsche Kaiserkrone gesehen, die an ihren Zacken die Figuren der alttestamentlichen Könige Samuel, Saul, David und Salomon trug. Wenn diese alten Juden von den mittelalterlichen Kaisern „tragbar“ gewesen seien, so werde er es in einigen Jahren auch wieder sein.

Nach dem ersten Weltkrieg gab es eine Jugend, die sich von den Versen aus dem „Glühenden“, dem „Himmlischen Zecher“, aus der „Blüte des Chaos“ wie von Stimmen aus einer lange verschütteten Urwelt dichterischer Phantasie angesprochen fühlten. Hier schien der Weltgeist selbst mit kosmischen Feuern, Planeten und den Bildern der Erde zu spielen. Freilich immer nur einzelnen konnte der Name Mombert etwas bedeuten, Ein großer Einsamer, fern aller Gruppen- und Sektenbildung, lebte er in der Welt seiner Phantasie, ein kosmischer Mystiker, und genoß sein schöpferisches Glück. Klopstocks begeisterte Aufschwünge und des jungen Schiller feurige Ausbrüche ins Weltall waren nur zaghafte Versuche, verglichen mit seinem außerhalb von Raum und Zeit sich entfaltenden Bildersturz. Seine demiurgischen Gebärden vermitteln Schauer des Unendlichen, seine „Musik der Welt“ überströmt den am Nahen und Irdischen Haftenden mit einer nahezu betäubenden Monotonie des Großartigen, Momberts Gruß an Rudolf Pannwitz zu dessen fünfzigstem Geburtstag ist bezeichnend für seine Art: „Auf einem der zahllosen Pfade des großen Kosmos – während meines Durchgangs durch den Stern Erde – seiner mythischen Gestalt begegnet zu sein, ist mir Freude: Linderung der Geisteinsamkeit durch den Strahl verwandten Gestirns.“

Den Forderungen nach einer zeitnahen, sachlichen, problemkühnen Literatur spricht Momberts Werk Hohn; in einer Zeit des harten Realismus mag es deplaciert erscheinen. Über seine Gültigkeit jedoch werden größere Zeiträume entscheiden. Gewiß ist es nicht frei von tragischer Hybris und Gewaltsamkeiten; denn ein solches Unterfangen verlangt eine umfassendere und tiefere seelische Wirklichkeit als sie dem auch noch so begnadeten einzelnen in diesem Jahrhundert gegeben ist. So bleibt der Eindruck überdimensionaler Fragmente, eines schöpferischen Chaos, das immer wieder aus sich Sterne und Blüten gebiert.

Es wäre ein notwendiger Dienst und zugleich eine vornehme „Wiedergutmachung“ (ich wage es kaum, das Wort in die Nähe des Dichters zu bringen), wenn der Insel-Verlag, der Momberts Werk verwaltet, durch eine neue, würdige Auswahl seine erhabene Stimme über die Ungunst der Zeit hinweg bewahren wollte. Zugleich sollten die letzten Dichtungen Momberts, „Sfaira der Alte“ (noch in Heidelberg vollendet) und das kurz vor seinem Tode in Winterthur abgeschlossene Werk, endlich veröffentlicht werden.