Ernst Dechent: Gondomar. Roman (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 215 S., Leinen 9,80 DM).

Wir alle, in den Armen von Madame La Terre, spielen Rollen.“ Mit der Präzision einer Komödie von Marivaux entwickelt Ernst Dechent, ein neuer deutscher Erzähler von überraschender Reife der Sprache, die ungewöhnliche Handlung aus den Jahren, wo Romantik und Biedermeier von der Maschinenzeit abgelöst, wurden: Der Baron Gondomar, ein Nachfahre der abenteuernden Kavaliere des achtzehnten Jahrhunderts, begegnet auf einer Eilpostreise durch Frankreich dem unbedeutenden ‚Sohn eines reichen Provinzbourgeois, der auf der Fahrt nach Paris zu seiner Hochzeit mit der ihm persönlich noch unbekannten Tochter eines Geschäftsfreundes ist. Unterwegs macht ihn der junge Mann zum Vertrauten seiner absonderlichen und über seine Fassungskraft gehenden Verlobungsgeschichte, so daß Gondomar, als sein Reisegefährte wenige Stunden nach der Ankunft stirbt, ohne Schwierigkeiten die Rolle des ungeliebten Bräutigams weiterspielen kann – zwei Stunden zwar nur, aber lange genug, um in der kühlen Diane brennendes Interesse zu wecken. Das alles erzählt Ernst Dechent mit ungemeinem Raffinement. Dann aber, als Diane dem Baron nach Ostende nachreist, dort ihrerseits ihm in der Rolle eines Hausmädchens entgegentritt und der Kampf der beiden auf Unabhängigkeit gestellten Naturen ausbrechen müßte, verwischen sich die Konturen, und die ungewöhnliche Begebenheit endet als freundliche Liebesaffäre. Dieser Rückfall ins Biedermeier kann aber den starken Eindruck nur wenig abschwächen, den das erste Buch Dechents durch seine virtuose Anlage, die Strenge seines Aufbaus und durch die geistvollen Dialoge macht. I. H.

*

Stefan Andrea: Das Antlitz (R. Piper & Co. Verlag, Manchen, 65 S., 2,80 DM). Ein junger Kunstgelehrter rechtfertigt sich für sein von anderen getadeltes Verhalten beim Tode seiner Mutter und zeichnet das Porträt dieser Frau, die im Leben nur Bewunderung, aber keine Liebe – und erst im Sterben Vollendung gefunden hat. Andres’ innerlich durchglühte und verdichtende Erzählkunst meistert auch diese diffizile Form.

Werner Bergengruen: Jungfräulichkeit (Die Arche, Zürich, und Nymphenburger Verlagshandlung, München, 62 S., 2,50 DM). Eine Revaler Patrizierstochter sühnt einen in der Notwehr begangenen Mord nach Jahren freiwillig dadurch, daß sie einen russischen Offizier, der als Eroberer in das ihr anvertraute Kloster kommt, verlockt, sie zu enthaupten.

Gottfried Kölwel: Das Himmelsgericht (Liechtenstein Verlag, München, 77 S., 21 Zeichnungen von Hans Fronius). „Merkwürdige Ereignisse“ aus dörflicher und kleinstädtischer Welt, zumeist krasser und bestürzender Art, im knappen, erregenden und hintergründigen Ton Kleistischer Anekdoten aufgezeichnet und packend bebildert.

Hans Baumann: Legenden der Liebe (Georg Kallmeyer Verlag, Wolfenbüttel, 78 S., Leinen 3,80 DM). Parabeln und Allegorien mit märchenhaftem Einschlag, Vorgänge der Natur deutend und umspielend, von inniger Bildkraft – eigentümlich und unkonventionell wie die Zeichnungen von Josef Mawen.